Leben bis 1933: Ausführliche Informationen

Seit dem Mit­tel­al­ter leb­ten Juden nach­weis­lich auf dem Gebiet des heu­ti­gen Würt­tem­bergs. Eine hebräi­sche Inschrift aus Heil­bronn, in die Zeit nach 1050 datiert, gilt als ältes­ter Beleg. Das Reich­steu­er­ver­zeich­nis, in das die Juden als kai­ser­li­che Schutz­be­foh­le­ne ein­be­zo­gen wur­den, nennt 1241 außer Heil­bronn unter ande­rem jüdi­sche Gemein­den in Ulm, Ess­lin­gen und Schwä­bisch Hall. Fast so alt wie die Hin­wei­se auf jüdi­sche Sied­lun­gen sind jedoch auch die Berich­te von der Ver­fol­gung von Juden durch ihre christ­li­chen Nach­barn: 1298 fie­len Tau­sen­de Juden den durch die Kreuz­zugs­hys­te­rie auf­ge­hetz­ten Ban­den des Rit­ters Rind­fleisch im Gebiet zwi­schen Main und Neckar zum Opfer. Zur gro­ßen Kata­stro­phe für die Juden in West­eu­ro­pa wur­de jedoch die Pest­epi­de­mie der Jah­re 1348 und 1349: Unter der absur­den Anschul­di­gung, sie hät­ten durch Brun­nen­ver­gif­tun­gen die Seu­che aus­ge­löst, wur­den auch in Würt­tem­berg fast alle Juden ermor­det oder ver­trie­ben. Erst lang­sam kehr­ten danach wie­der Juden in die Städ­te zwi­schen Main und Boden­see zurück, frei­lich recht­lich und sozi­al schlech­ter gestellt als zuvor. Vor allem der Vor­wurf des Wuchers führ­te am Ende des Mit­tel­al­ters zur neu­er­li­chen Ver­trei­bung aus allen grö­ße­ren Reichs­städ­ten. Mit der »Regi­ments­ord­nung« von 1498 schloss sich das Her­zog­tum Würt­tem­berg die­ser anti­jü­di­schen Strö­mung an. Ledig­lich die Finan­ziers der Her­zö­ge und die Juden jener weni­gen klei­nen Gebie­te, die nach 1498 an das Her­zog­tum kamen, waren davon aus­ge­nom­men.

Die letz­te Fahrt Joseph Süß Oppen­hei­mers vom Stutt­gar­ter Her­ren­haus zum Richt­platz, Kup­fer­stich von Jakob Gott­lieb The­lot

Das expo­nier­tes­te Bei­spiel ist Joseph Süß Oppen­hei­mer, der für den über­schul­de­ten Her­zog Carl Alex­an­der von Würt­tem­berg die Beschaf­fung von Geld­mit­teln über­nahm. Als der unbe­lieb­te Her­zog 1737 starb, wur­de Joseph Oppen­hei­mer, der dif­fa­mie­rend »Jud Süß« genannt wur­de, als Sün­den­bock nach einem Schau­pro­zess in Stutt­gart hin­ge­rich­tet.

Die Holz­ver­tä­fe­lung aus dem Bet­raum der ehe­ma­li­gen jüdi­schen Gemein­de von Unter­lim­burg (bei Schwä­bisch Hall), um 1800; heu­te im Häl­lisch-Frän­ki­schen Muse­um in Schwä­bisch Hall

Doch auf dem Gebiet des heu­ti­gen Würt­tem­bergs regier­ten bis 1803 neben dem Her­zog zahl­rei­che welt­li­che und geist­li­che Her­ren sou­ve­rän über ›ihre‹ Ter­ri­to­ri­en. Eini­ge von ihnen boten Juden mit Schutz­ver­trä­gen die Auf­nah­me an. Frei­lich wichen dabei die jewei­li­gen recht­li­chen und wirt­schaft­li­chen Zuge­ständ­nis­se stark von­ein­an­der ab. Allen gemein­sam war, dass die Juden für die zuge­stan­de­ne Ansied­lung hohe Schutz­gel­der zu bezah­len hat­ten und vom Wohl­wol­len des Ter­ri­to­ri­al­herrn abhän­gig blie­ben. Eine so weit­ge­hen­de Gleich­stel­lung mit den christ­li­chen Nach­barn, wie sie der Frei­herr von Lie­ben­stein für sei­ne Dör­fer Jeben­hau­sen und But­ten­hau­sen ver­füg­te, blieb eine rare Aus­nah­me. Da fast all jene Ter­ri­to­ri­en, in denen sich Juden nie­der­las­sen konn­ten, in länd­li­chen Regio­nen lagen, ent­wi­ckel­te sich ein dörf­li­ches Land­ju­den­tum. Da ihnen die meis­ten Hand­werks­be­ru­fe und Grund­be­sitz ver­bo­ten waren, leb­ten die Juden oft von Vieh- und Klein­han­del. Nur weni­ge brach­ten es dabei zu Wohl­stand.

Die Epo­che des poli­ti­schen »Fli­cken­tep­pichs« ende­te im deut­schen Süd­wes­ten von 1803 an: Unter dem Druck Napo­le­ons wur­den bis 1811 die zahl­rei­chen, bis dahin sou­ve­rä­nen Klein­ter­ri­to­ri­en dem König­reich Würt­tem­berg oder dem Groß­her­zog­tum Baden zuge­schla­gen. Damit bekam Würt­tem­berg nach über drei­hun­dert Jah­ren wie­der jüdi­sche Unter­ta­nen. 1817 waren dies 8256 jüdi­sche Ein­woh­ner. Vor­erst gal­ten für die­se die jewei­li­gen Rechts­ver­hält­nis­se aus den Schutz­brie­fen der bis­he­ri­gen Orts­herr­schaft fort. Da sie teil­wei­se erheb­lich von­ein­an­der abwi­chen, tat Ver­ein­heit­li­chung not. Frei­lich ver­gin­gen Jahr­zehn­te bis die Gleich­stel­lung mit den nicht-jüdi­schen Würt­tem­ber­gern erreicht war.

Die Indus­tria­li­sie­rung Würt­tem­bergs wur­de von jüdi­schen Fabri­kan­ten mit­ge­stal­tet; Mecha­ni­sche Bunt­we­be­rei Gebrü­der Frank­fur­ter in Göp­pin­gen, die von einem jüdi­schen Entre­pre­neur gegrün­det wur­de

Ein ers­ter Anlauf König Fried­richs I. schei­ter­te 1808, denn der Ent­wurf sei­ner Ober­re­gie­rung zu einem Gleich­stel­lungs­ge­setz war ihm nicht weit­rei­chend genug. In den Fol­ge­jah­ren ver­bes­ser­te er mit einer Rei­he von Ein­zel­ver­ord­nun­gen die Situa­ti­on sei­ner jüdi­schen Unter­ta­nen. Sein Nach­fol­ger, König Wil­helm I., brach­te zwar mit der Ver­fas­sung von 1819 die Reli­gi­ons­frei­heit, doch vol­le staats­bür­ger­li­che Rech­te genos­sen wei­ter­hin nur die Mit­glie­der der christ­li­chen Kon­fes­sio­nen. Es folg­ten wei­te­re Fort­schrit­te: Wich­ti­ge Weg­mar­ken waren die all­ge­mei­ne Schul­pflicht für jüdi­sche Kin­der (1825) und das »Gesetz in Betreff der öffent­li­chen Ver­hält­nis­se der israe­li­ti­schen Glau­bens­ge­mein­schaft in Würt­tem­berg« (April 1828). Doch erst 1864 erreich­ten die würt­tem­ber­gi­schen Juden die vol­le recht­li­che Gleich­stel­lung mit ihren christ­li­chen Lands­leu­ten.

Jüdi­scher Sol­dat aus Stutt­gart; zahl­rei­che würt­tem­ber­gi­sche Juden dien­ten im Ers­ten Welt­krieg als Sol­da­ten

Als Fol­ge der gewon­ne­nen Frei­hei­ten ver­än­der­ten sich das sozia­le und wirt­schaft­li­che Gefü­ge der jüdi­schen Gemein­schaft Würt­tem­bergs. Die bis­her über­wie­gend länd­li­chen Gemein­den ver­lo­ren durch Abwan­de­rung in die Städ­te rasch an Mit­glie­dern. Die Juden des Lan­des enga­gier­ten sich ver­stärkt in Indus­trie, Gewer­be und Han­del und tru­gen wesent­lich zur Umwand­lung Würt­tem­bergs von einem Agrar­land in einen indus­tria­li­sier­ten Staat bei. Zudem ergrif­fen vie­le Juden eine aka­de­mi­sche Kar­rie­re, wur­den Juris­ten und Ärz­te. Die Mehr­heit assi­mi­lier­te sich in den fol­gen­den Jahr­zehn­ten mit dem nicht­jü­di­schen Umfeld und ver­stand sich als Würt­tem­ber­ger und Deut­sche jüdi­schen Glau­bens. Vom Anti­se­mi­tis­mus blie­ben sie des­we­gen frei­lich nicht ver­schont. Schon den Pro­zess der recht­li­chen Anglei­chung hat­ten Angrif­fe beglei­tet. Ende des 19. Jahr­hun­derts tra­ten auch in Würt­tem­berg ver­stärkt die unter­schied­lichs­ten Grup­pen mit anti­se­mi­ti­schen Äuße­run­gen in Publi­ka­tio­nen und Vor­trä­gen her­vor. Auch die Tat­sa­che, dass rund zwei­hun­dert­sieb­zig jüdi­sche Würt­tem­ber­ger im Ers­ten Welt­krieg gefal­len waren und über drei­ßig Pro­zent aller jüdi­schen Kriegs­teil­neh­mer ver­wun­det wur­den, änder­te am rasch um sich grei­fen­den Anti­se­mi­tis­mus nichts. In der Kri­sen­zeit der Wei­ma­rer Repu­blik wur­de die vul­gä­re anti­jü­di­sche Het­ze der Natio­nal­so­zia­lis­ten, mit der sie in Publi­ka­tio­nen, Auf­mär­schen und Vor­trä­gen ihren Auf­stieg beglei­te­ten, ton­an­ge­bend. Die Bemü­hun­gen der Juden um Auf­klä­rung fan­den dage­gen immer weni­ger Gehör. hs