Die einen und die anderen

Eberhard Jäckel

Wie soll man das erklä­ren? Da leben Men­schen, die sind genau wie die ande­ren. Sie sehen genau so aus, spre­chen die glei­che Spra­che, den glei­chen Dia­lekt, haben die glei­chen Gewohn­hei­ten. Nur haben sie, nicht alle, aber die meis­ten, eine ande­re Reli­gi­on. Sie gehen nicht am Sonn­tag, son­dern am Sams­tag zum Got­tes­dienst. Doch auch die einen, die Chris­ten genannt wer­den, haben ver­schie­de­ne Reli­gio­nen und ver­tra­gen sich mehr oder weni­ger gut unter­ein­an­der und mit den ande­ren, die Juden genannt wer­den.

Und dann kom­men die einen, holen die Juden aus ihren Woh­nun­gen, brin­gen sie an bestimm­te Sam­mel­plät­ze, set­zen sie in Eisen­bahn­wa­gen, fah­ren sie weit fort, wo sie von den einen, nicht den­sel­ben, aber den glei­chen, getö­tet wer­den. Die Juden hat­ten sich nichts zuschul­den kom­men las­sen, waren von kei­nem Gericht zu einer Stra­fe ver­ur­teilt wor­den, ihre ein­zi­ge Schuld war, dass sie die ande­ren waren.

Und nur eini­ge Jah­re spä­ter tut es den einen Leid. Nun bekla­gen sie, nicht die­sel­ben, aber die glei­chen, näm­lich ihre Nach­fah­ren, was ihre Vor­fah­ren den ande­ren ange­tan haben, ver­an­stal­ten Fei­ern zum Geden­ken der Toten und set­zen Gedächt­nis­stei­ne auf den Bür­ger­stei­gen vor den Häu­sern, aus denen die ande­ren geholt wor­den waren.

Wie soll man das erklä­ren? Es waren doch die glei­chen, nur aus unter­schied­li­chen Jahr­gän­gen, die die ande­ren, die Juden, aus ihren Woh­nun­gen geholt hat­ten. Waren sie erst böse gewor­den und dann wie­der gut? Offen­sicht­lich kann dies die Erklä­rung nicht sein. Es kommt hin­zu, dass das, was geschah, nicht nur an einem Orte geschah, son­dern an allen, im gan­zen Land, und zwar gleich­zei­tig.

Wie soll man das erklä­ren? War eine Toll­wut aus­ge­bro­chen, die die einen, nicht alle, aber vie­le, ver­rückt gemacht hat­te? Die Erklä­rung ist nicht ganz falsch. Aber war­um war die Toll­wut aus­ge­bro­chen? Es war doch kein Virus gewe­sen. Doch, etwas Ähn­li­ches war es schon. Es gab seit lan­gem eine ver­brei­te­te Abnei­gung gegen die Juden, den soge­nann­ten Anti­se­mi­tis­mus, der sich nun zu einem Pogrom gestei­gert hat­te. Da die­se Abnei­gung jedoch nie, jeden­falls seit lan­gem nicht mehr, über­all im Lan­de und dann auch in vie­len ande­ren Län­dern zur fast voll­stän­di­gen Ermor­dung der Juden geführt hat­te, kann auch dies die Erklä­rung nicht sein.

Nein, aber es gab zu jener Zeit einen, den man den Füh­rer nann­te, der zuerst das Volk ver­rückt gemacht hat­te und dem es dann blind­lings gefolgt war und der immer wie­der sag­te und ankün­dig­te, die Juden müss­ten getö­tet wer­den. Als er am Ende war, schrieb er in sei­nem Tes­ta­ment, er habe kei­nen dar­über im Unkla­ren gelas­sen, dass die­ses Mal Mil­lio­nen Fein­de den Tod nicht erlei­den wür­den, ohne dass gleich­zei­tig auch die Juden, „wenn auch durch huma­ne­re Mit­tel”, ihre Schuld zu büßen hät­ten.

Was die­se Schuld war, sag­te er nicht. Er glaub­te es, und die ande­ren glaub­ten ihm. Das ist, in ein­fa­chen Wor­ten gesagt, eine plau­si­ble Erklä­rung. Sie besagt natür­lich nicht, dass er es allein getan hat. Er brauch­te Hel­fer, und er fand sie. Nicht alle waren mit dem Mord ein­ver­stan­den. Aber sie wuss­ten, dass er sie aus ihren Woh­nun­gen her­aus­brin­gen, dass er sie, wie er sag­te, „ent­fer­nen” woll­te.

Der Mensch ist ein Her­den­tier, höf­li­cher gesagt: eine Grup­pe, in der vie­le die glei­che Mei­nung haben. Sie tun das, was die ande­ren tun. Und wenn einer, an den sie glau­ben und der die gan­ze Macht hat, ihnen sagt, was sie glau­ben und tun sol­len, dann tun sie es. Das mag erklä­ren, war­um sie es taten, als sie gläu­big ihrem Füh­rer folg­ten, und war­um sie es bedau­er­ten, als sie wie­der in Frei­heit leb­ten. Bei­des muss ja erklärt wer­den: dass sie es erst taten und dass sie es danach bedau­er­ten.

So kann man es wohl erklä­ren – und doch nicht ganz. Es war immer unver­nünf­tig, zu glau­ben, dass alle Juden, Män­ner, Frau­en und Kin­der, samt und son­ders „schäd­lich” sei­en. Es war auch nicht Frem­den­feind­lich­keit, denn die Juden waren kei­ne Frem­den. Die einen muss­ten nicht alle­samt ihre Ver­nunft und ihre mit­mensch­li­chen Gefüh­le preis­ge­ben, und eini­ge taten es auch nicht. Doch dass so vie­le erst böse und dann wie­der gut wur­den, kann die Erklä­rung nicht sein. Die Umstän­de hat­ten sich geän­dert, nicht die Men­schen, obwohl sie die Umstän­de geför­dert und ermög­licht hat­ten. Des­we­gen soll­ten die einen sich heu­te auch nicht viel dar­auf ein­bil­den. Sie sind nicht bes­ser als ihre Vor­fah­ren, sie leben nur in glück­li­che­ren Ver­hält­nis­sen.

Das ist die Leh­re, die man dar­aus zie­hen muss. Es ist gewiss wich­tig, dass die Men­schen zu Ver­nunft und Mensch­lich­keit erzo­gen wer­den. Noch wich­ti­ger aber ist, dass sie nie wie­der einen Füh­rer an die Macht las­sen, der sie ver­führt, auch kei­ner­lei ande­re Ver­füh­rer, die ihren Her­den­trieb aus­nut­zen, son­dern dass sie die Frei­heit und den Rechts­staat ver­tei­di­gen, die allein die Gewähr bie­ten, dass eine Toll­wut die Men­schen nicht aber­mals befällt wie damals.

 

 

 

Quel­le:
Der Kil­les­berg unter dem Haken­kreuz
Eine Doku­men­ta­ti­on der Geschichts­werk­statt Stutt­gart Nord e.V.
Mit einem Vor­wort von Eber­hard Jäckel

Hrsg.v. Wolf­gang Har­der, Josef Kle­graf, Jörg Kurz, Hel­mut Ran­nacher
Stutt­gart April 2012