26.04.2021 · Prof. Dr. Roland Müller

Sehr geehr­te Damen und Herrn, Zuhö­ren­de und Zusehende,

bei der Vor­be­rei­tung die­ser Ver­an­stal­tung fiel mir die Auf­ga­be zu, die Depor­ta­ti­on nach Izbi­ca und den his­to­ri­schen Kon­text in knap­pen Wor­ten zu erläutern.

Inzwi­schen ist mir auch die ehren­vol­le Auf­ga­be über­tra­gen wor­den, bei die­ser Fei­er­stun­de Herrn Ober­bür­ger­meis­ter Dr. Nop­per zu ver­tre­ten, der lei­der ander­wei­ti­ge ter­min­li­che Ver­pflich­tun­gen wahr­neh­men muss.

Gestat­ten Sie des­halb eini­ge Bemer­kun­gen über den his­to­ri­schen Bei­trag hinaus.

Unse­re Fei­er­stun­de steht in unmit­tel­ba­rer Ver­bin­dung mit einer Gedenk­stun­de, bei der ges­tern der Ver­ein Zei­chen der Erin­ne­rung und das Bil­dungs­zen­trum Hos­pi­tal­hof mit wei­te­ren Mit­ver­an­stal­ter aus Anlass des Jah­res­tags der Depor­ta­ti­on an ver­fem­te Kom­po­nis­ten und Lyri­ke­rin­nen erin­nert haben. Die­ser Abend fand statt im Rah­men des Fest­jah­res „1700 Jah­re Jüdi­sches Leben in Deutsch­land“. Ange­sichts der damit ver­bun­de­nen Geschich­te von Ver­fe­mung, Ver­trei­bung und Pogro­men ist die Bezeich­nung „Fest­jahr“ bemer­kens­wert. Ich fin­de sie jedoch ange­mes­sen, die lan­ge Geschich­te jüdi­schen Lebens im Gebiet des heu­ti­gen Deutsch­land bei aller Rele­vanz in all ihren Aspek­ten und Bezie­hun­gen dar­zu­stel­len, eine Geschich­te, die es viel­fach noch zu ent­de­cken gilt. Nicht zuletzt haben jüdi­sche Men­schen ent­schei­dend zum Auf­bruch Deutsch­lands in die Moder­ne beigetragen.

Die­se Geschich­te ist in der Form der viel beru­fe­nen deutsch-jüdi­schen Sym­bio­se mit der Shoa zu Ende gegan­gen. Aber es gibt wie­der jüdi­sches Leben in Deutschland.

Die Stutt­gar­ter Gemein­de ist im Juni 1945 als eine der ers­ten über­haupt nach der Befrei­ung gegrün­det wor­den und hat als eine der ers­ten 1952 eine Syn­ago­ge gebaut

– sie wird auch ein The­ma der Open-Air-Aus­stel­lung des Stadt­ar­chivs zum Fest­jahr über die Archi­tek­ten Oscar Bloch und Ernst Gug­gen­hei­mer sein.

Für die­ses jüdi­sche Leben sind wir ange­sichts der Geschich­te dank­bar. Oder, wie Bun­des­prä­si­dent Stein­mai­er bei der Eröff­nung des Fest­jah­res gesagt hat: „Welch uner­mess­li­ches Glück für unser Land!“

Ja, aber auch: Wel­che Schan­de! Wir geden­ken heu­te der depor­tier­ten und ermor­de­ten jüdi­schen Bür­ge­rin­nen und Bür­ger aus Stutt­gart, Süd­west­deutsch­land und Luxem­burg. Und zugleich müs­sen wir fest­stel­len, dass anti­se­mi­ti­sche und

ras­sis­ti­sche Straf­ta­ten zuneh­men, dass Anti­se­mi­tis­mus in der Mit­te der Gesell­schaft salon­fä­hig fähig wird. Wie oft ist in den letz­ten Jah­ren beschwo­ren wor­den, dass Anti­se­mi­tis­mus ein Angriff auf die Grund­pfei­ler unse­rer Demo­kra­tie dar­stellt, dass es eine Auf­ga­be der staat­li­chen Insti­tu­tio­nen wie der Zivil­ge­sell­schaft, jedes ein­zel­nen ist, sich aktiv jeder Form von Anti­se­mi­tis­mus entgegenzustellen.

Es gibt vie­le enga­gier­te Men­schen. In unse­rer Stadt ist das bür­ger­schaft­li­che Enga­ge­ment groß und hat vie­les bewirkt, auch die Errich­tung die­ses „Zei­chens der Erin­ne­rung“. Aber – zumal ange­sichts der Unge­wiss­hei­ten der Pan­de­mie – neh­men Belei­di­gun­gen und Hass zu, wer­den die Opfer der Shoa von soge­nann­ten Quer­den­kern durch die Okku­pa­ti­on des „Gel­ben Sterns“ ver­höhnt. Unse­re Stadt ist sogar ein Kris­tal­li­sa­ti­ons­punkt die­ser Bewegung.

Auch wir müs­sen uns des­halb fra­gen, ob wir das Rich­ti­ge getan haben. Waren und sind wir zu selbst­ge­recht; es gibt ja den Ter­mi­nus von deut­schen Welt­meis­tern des Erin­nerns? Haben wir zu wenig erklärt, zu viel mora­li­siert? Haben wir zu sehr auf uns selbst geschaut?

Und ich fra­ge mich, wohin es füh­ren soll und was die Absicht jener ist, die die Shoa als eines unter ande­ren Mensch­heits­ver­bre­chen, ins­be­son­de­re des Kolo­nia­lis­mus, deu­ten. Unlängst haben eini­ge Wis­sen­schaft­ler die Auf­fas­sung von der Sin­gu­la­ri­tät des Holo­caust als „pro­vin­zi­ell“ bezeich­net, schlich­te­re Gemü­ter spre­chen in die­sem Kon­text von einer über­hol­ten Erin­ne­rungs­kul­tur. Gera­de der ein­ge­for­der­te Ver­gleich mit den kolo­nia­len Ver­bre­chen zeigt: Juden wur­den nicht ermor­det, weil sie poli­ti­sche Geg­ner waren, weil man ihr Land erobern oder weil man sie aus­beu­ten woll­te. Juden wur­den ermor­det, weil sie Juden waren. Dies begrün­det eine Sin­gu­la­ri­tät – die den­noch nicht die mör­de­ri­schen Ver­bre­chen der Kolo­nia­lis­ten verharmlost.

Wir soll­ten uns, wenn wir heu­te der Ermor­de­ten geden­ken, die­se Fra­gen sowohl in Ver­ant­wor­tung gegen­über die­sen Men­schen wie auch ange­sichts der aktu­el­len Ent­wick­lun­gen am Ende der Epo­che der Zeit­zeu­gen­schaft stel­len. Ange­mes­se­nes Erin­nern bedarf ohne­hin stets einer Per­spek­ti­ve für Gegen­wart und Zukunft.

Ein sehr herz­li­cher Dank, auch namens des Herrn Ober­bür­ger­mis­ters, gilt Ihnen, lie­ber Herr Kel­ler, der Sie die­ses Erin­nern initi­iert und vor­be­rei­tet haben. Dank eben­so allen an Betei­lig­ten an die­ser Fei­er­stun­de, beson­ders Bea­te Mül­ler für Recher­che und Zusam­men­stel­lung der Namen der Depor­tier­ten auch aus Baden, der Pfalz und aus Luxem­burg, die nach­her ver­le­sen werden.