25.04.2021 · Landesbischof Dr. h. c. Frank Otfried July

Anre­de

In die­sem Jahr sind es 1700 Jah­re, dass es jüdi­sches Leben und jüdi­sche Gemein­den auf dem Gebiet des heu­ti­gen Deutsch­lands nach­weis­bar gibt. Eine lan­ge Zeit bevor sich staat­li­che Struk­tu­ren eines Deutsch­lands über­haupt gebil­det hat­ten und auch noch kein kirch­li­ches Leben.

1700 Jah­re jüdi­sches Leben in Deutsch­land ist Grund zur Freu­de und zur Dank­bar­keit. Schau­en wir aber auf den Anlass unse­res heu­ti­gen Zusam­men­kom­mens, so müs­sen wir sagen: 1700 Jah­re jüdi­sches Leben und Ster­ben in Deutsch­land. Und das ist ein Grund des Erschre­ckens und der tie­fen Trauer.

Zu die­sen 1700 Jah­ren gehö­ren auch Ver­fol­gung, Pogro­me und Depor­ta­tio­nen. Der Tief­punkt die­ser Tri­as mar­kiert den Holo­caust, die fast gänz­li­che Aus­lö­schung jüdi­schen Lebens in Deutsch­land und Europa.

In einer Zeit neu­er Gedan­ken­lo­sig­keit, und stär­ker auf­tre­ten­dem Anti­se­mi­tis­mus, in einer Zeit, in der auch fre­che Lüge und hass­erfüll­te Spra­che ihr Haupt erhebt, haben wir inne­zu­hal­ten, haben wir uns unter­bre­chen zu las­sen, blei­ben wir an einem Stol­per­stein in der Geschich­te die­ses Lan­des, die­ser Stadt ste­hen. Trotz der nicht ein­fa­chen äuße­ren Umstän­de ist mir die­ses Geden­ken hier im Hos­pi­tal­hof von gro­ßer Wich­tig­keit und ich dan­ke allen, die dies vor­be­rei­tet und ermög­licht haben.

Geden­ken

Heu­te geden­ken wir der Men­schen, die am 26. April 1942 hier in Stutt­gart vom Kil­les­berg über den Nord­bahn­hof nach Izbi­ca depor­tiert wor­den sind: das heißt ent­rech­tet, gede­mü­tigt, gewalt­sam ver­schleppt und schließ­lich ermor­det wor­den sind. Nach­ba­rin­nen und Nachbarn.

Nie­mand hat jene Depor­ta­ti­on über­lebt; Pro­fes­sor Mül­ler wird uns nach­her die Fak­ten vermitteln.

Wir wer­den auch zwei Namen der Täter von damals hören. Zwei Vor­na­men nen­ne ich, weil sie mich scho­ckie­ren und weil sie fast hin­aus­schrei­en, wel­che Schuld Chris­ten und Kir­che auf sich gela­den haben. In den 1700 Jah­ren, pars pro toto jene von 1942 hier in Stutt­gart. Einer heißt mit Vor­na­men Chris­ti­an, der ande­re Gott­lob. Es fällt schwer, die­se Namen aus­zu­spre­chen, weil sie in die­sem Zusam­men­hang blas­phe­misch wir­ken. Wie ein Hohn.

Aber die­se bei­den Namen hal­ten uns den Spie­gel vor Augen und so beken­nen wir die Schuld, die Chris­ten und die Kir­che auf sich gela­den haben. Auch in Würt­tem­berg, auch in Stutt­gart. Auch aus Fami­li­en, in denen ein Chris­ti­an und ein Gott­lob getauft wur­de, kamen die Täter. Es ist auch unse­re Kir­chen – Geschichte.

His­to­ri­ker haben ja nicht nur die Auf­ga­be, Ereig­nis­se zu doku­men­tie­ren. Sie müs­sen sie auch sor­tie­ren und ein­ord­nen. Die Ver­bre­chen aber, die an jüdi­schen Men­schen ver­übt wor­den sind, ent­zie­hen sich jeder Kate­go­ri­sie­rung und Ein­ord­nung und damit eben Rela­ti­vie­rung. Das wird sich auch durch den his­to­ri­schen Abstand nicht ver­än­dern, son­dern uns blei­ben. Das will ich heu­te unterstreichen.

Ich habe noch in ein­drück­li­cher Erin­ne­rung, wie ich vor eini­gen Jah­ren mit Schü­le­rin­nen und Schü­lern an der Gedenk­stel­le – mit dem Wagon auf den Glei­sen- am Nord­bahn­hof stand. Sie hat­ten sich im Unter­richt vor­be­rei­tet. Es ging um die Ver­fol­gung der Jüdin­nen und Juden und die der Sin­ti und Roma. Lebens­ge­schich­ten kamen vor Augen. Fami­li­en­ge­schich­ten. Lei­dens­ge­schich­ten. Die Glei­se aus Stutt­gart führ­ten in die Todes­wirk­lich­keit der Ver­nich­tungs­la­ger. Das Schwei­gen war groß. Wor­te kaum zu fin­den, man lieh sie sich von den weni­gen Überlebenden.

Ich will auf den jüdi­schen Rab­bi­ner und christ­li­chen Apos­tel Pau­lus hören. Erneut. Im Geden­ken am heu­ti­gen Tag. Im Römer­brief begrün­det er die blei­ben­de Erwäh­lung Isra­els als sein Volk. Er erin­nert die jun­ge christ­li­che Gemein­de dar­an, dass Isra­el blei­bend die Wur­zel ist, von der auch wir leben. (Römer 11,18).

Wir müs­sen dar­an immer wie­der erinnern.

Wir müs­sen immer wie­der unse­re Stim­me erhe­ben, wenn den Depor­tier­ten, derer wir heu­te geden­ken, aufs neue Unrecht ange­tan wird.

Es ist bit­ter, dass es bis heu­te Anti­se­mi­tis­mus in unse­rem Land gibt; ein Tag der Erin­ne­rung wie heu­te erweist die Scham­lo­sig­keit derer, die von ihrem Hass nicht ablassen.

Geden­ken – Unter­bre­chen – Hören.

Das wol­len und sol­len wir heute.

Mit Aus­dau­er wol­len wir ein­tre­ten für Gerech­tig­keit, für Klar­heit und Wahr­heit und dem Über­win­den von Hass, Dumpf­heit und Hem­mungs­lo­sig­keit der Lüge. Die­se Aus­dau­er hat ihren Grund in Gott, dem wir unse­re Schuld beken­nen und den wir bit­ten um sein Geleit in die Zukunft.