Amtsblatt Nr. 45 vom 12.11.1970

Kein mora­li­sches Ali­bi für began­ge­nes Unrecht

Mahn­mal vor dem Alten Schloß ein­ge­weiht • Geden­ken an die Opfer der Gewalt­herr­schaft

Das Mahn­mal für die Opfer der natio­nal­so­zia­lis­ti­schen Gewalt­herr­schaft ist auf der Frei­flä­che vor dem Alten Schloß am 8. Novem­ber mit einer schlich­ten Gedenk­stun­de ein­ge­weiht wor­den. An die 2000 Stutt­gar­ter hat­ten sich ein­ge­fun­den, um — 25 Jah­re nach Kriegs­en­de — ein Bekennt­nis abzu­le­gen. Unter ihnen befan­den sich vie­le pro­mi­nen­te Ver­tre­ter aus Poli­tik, Kul­tur und Wirt­schaft, nicht zuletzt zahl­rei­che Mit­bür­ger, die unter der Ver­fol­gung des NS-Regimes zu lei­den hat­ten. Vor die­sem gro­ßen Zuhö­rer­kreis und in Anwe­sen­heit des baden-würt­tem­ber­gi­schen Minis­ter­prä­si­den­ten Dr. Fil­bin­ger, des Stutt­gar­ter Ehren­bür­gers und Alt­mi­nis­ter­prä­si­den­ten Dr. Rein­hold Mai­er sowie des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts­prä­si­den­ten Dr. Geb­hard Mül­ler bekann­te sich Ober­bür­ger­meis­ter Dr. Klett ein­deu­tig zu der künst­le­ri­schen Mas­si­vi­tät, die Elmar Dau­cher dem Denk­mal gege­ben hat, und zu dem har­ten, kom­pro­miß­lo­sen Text, von Pro­fes­sor Ernst Bloch für das Mahn­mal ver­faßt: „1933 bis 1945. Ver­femt, ver­sto­ßen, gemar­tert, erschla­gen, erhängt, ver­gast — Mil­lio­nen Opfer der natio­nal­so­zia­lis­ti­schen Gewalt­herr­schaft beschwö­ren Dich: Nie­mals wie­der!” An die ver­sam­mel­ten „Mit­bür­ge­rin­nen und Mit­bür­ger, Lei­dens- und Schick­sals­ge­fähr­ten” gerich­tet, sag­te Ober­bür­ger­meis­ter Dr. Klett:

Schon ist es so weit, daß Mut oder doch Erklä­rung dazu gehö­ren, ein Vier­tel­jahr­hun­dert nach einer der größ­ten Kata­stro­phen, die unser Vater­land, Euro­pa und die Welt im Ver­lauf der Geschich­te durch­lei­den und erle­ben muß­ten, ein Mahn­mal zu errich­ten, das Ursa­che und Wir­kung nicht ver­wech­selt wis­sen möch­te. Noch ist es nicht so weit, daß wir Deut­schen mit der his­to­ri­schen Rea­li­tät natio­nal­so­zia­lis­ti­scher Gewalt­herr­schaft und ihren die Ein­heit unse­res Vol­kes voll­ends spren­gen­den Fol­gen in ruhi­ger, gerech­ter Selbst­er­kennt­nis zurecht­zu­kom­men ver­mö­gen. Der dämo­ni­sche Schat­ten unse­li­ger Ver­gan­gen­heit, die von den Genera­tio­nen unse­res Jahr­hun­derts gestal­tet und durch­lit­ten wor­den ist, geht wie ein Genera­tio­nen­kon­flikt durch Fami­lie und Volk, sobald Spra­che und Gedan­ken dar­auf kom­men. Vie­les, all­zu vie­les ist ver­ges­sen von vie­len, die es nicht ver­ges­sen soll­ten; vie­les ist nicht bekannt und bewußt, was bekannt und bewußt sein soll­te; vie­les wird ver­drängt, was als unbe­que­me und läs­ti­ge Erin­ne­rung wach wer­den könn­te; vie­les wird auf­ge­rech­net, was wahr­haf­ti­ger für sich gese­hen und gewer­tet wer­den soll­te. Wir Deut­schen haben uns gera­de in den letz­ten hun­dert Jah­ren oft von der Welt sagen und vor­hal­ten las­sen müs­sen, daß wir Epo­chen, auf die wir im natio­na­len Sinn nicht „stolz” sein kön­nen, ent­we­der his­to­risch kaschie­ren oder aber sie ganz tot­schwei­gen. Geschich­te aber ist auch aus der Ver­gan­gen­heit beding­tes und in die Zukunft fort­wir­ken­des Gesche­hen, dem sich die­je­ni­gen, die vor sich selbst und vor denen, für die sie Ver­ant­wor­tung in Fami­lie, Schu­le, Kir­che, Beruf und Oef­fent­lich­keit tra­gen, nicht ent­zie­hen dür­fen. Im Hegel­jahr darf an das viel­leicht etwas pau­scha­le, aber im Kern eine Erfah­rungs­weis­heit zu phi­lo­so­phi­schem Rang erhe­ben­de Wort Hegels erin­nert wer­den: „Die Welt­ge­schich­te ist der Fort­schritt im Bewußt­sein der Frei­heit.”

Das Stutt­gar­ter Mahn­mal, zu des­sen Errich­tung sich der Stutt­gar­ter Gemein­de­rat mit Ent­schei­dung vom 8. Juni 1967 ent­schloß, ist nicht zuletzt aus dem Bewußt­sein und schmerz­vol­ler Erfah­rung dar­über ent­stan­den, was es bedeu­tet, die Frei­heit ver­lo­ren zu haben und ohne ihre befruch­ten­de Wir­kung leben zu müs­sen. Wil­helm Leu­sch­ner, Gewerk­schafts­füh­rer und letz­ter Innen­mi­nis­ter in Hes­sen vor 1933, hin­ge­rich­tet im Sep­tem­ber 1944, brach­te die Situa­ti­on einem eng­li­schen Gewerk­schafts­freund gegen­über schon 1939 auf den knap­pen Nen­ner: „Wir sind Gefan­ge­ne, in einem gro­ßen Zucht­haus.” Leu­sch­ner hat­te recht, in viel­fa­chem Sinn. Gefäng­nis und Zucht­haus, Ker­ker, Schutz­haft und Kon­zen­tra­ti­ons­la­ger waren die Sta­tio­nen vie­ler Lei­dens­we­ge; Hin­rich­tung und sys­te­ma­ti­sche Ver­nich­tung erbar­mungs­lo­ses Ende. Man­nig­fach waren die Wei­sen, in denen sich der Opfer­weg voll­zog: inne­re und äuße­re Emi­gra­ti­on, Schwei­gen und Resi­gna­ti­on, Ver­trei­bung und Flucht, zer­stör­te und gestör­te Kar­rie­ren, Mei­nungs­ter­ror und Into­le­ranz. Das Neue und wegen sei­ner Unvor­stell­bar­keit Ueber­ra­schen­de, das auch poli­tisch erfah­re­ne Mit­bür­ger uner­war­tet traf, war die tota­li­tä­re Dik­ta­tur in ihrer moder­nen Kunst der Mas­sen­be­herr­schung, Aus­nut­zung aller Fort­schrit­te der Tech­nik zu die­sem Zweck, vor allem aber Aus­schal­tung aller mora­li­schen Skru­pel und aller abend­län­disch-christ­li­chen Tra­di­ti­on bis hin zum sys­tementspre­chen­den Mas­sen­ter­ror.

Die Radi­ka­li­tät, mit der eine poli­ti­sche Ideo­lo­gie in poli­ti­sche Wirk­lich­keit umge­setzt wor­den ist, über­traf schlimms­te Pro­gno­sen. Die Per­ver­si­on ideo­lo­gisch ver­bräm­ten Mas­sen­wahns gip­fel­te in der Wann­see-Kon­fe­renz vom 20. Janu­ar 1942, in der die End­lö­sung der Juden­fra­ge beschlos­sen und von einem Eich­mann mit uner­bitt­li­cher Här­te und Grau­sam­keit betrie­ben wor­den ist. Hun­dert­tau­sen­de und Mil­lio­nen jüdi­scher Men­schen aller Natio­na­li­tä­ten, vie­le Hun­der­te auch Stutt­gar­ter Mit­bür­ger, wur­den in Depor­ta­ti­on und phy­si­scher Ver­nich­tung sei­ne Opfer. Hit­ler, Himm­ler, Heyd­rich, Eich­mann, Kal­ten­brun­ner oder Strei­cher wur­den in ihrer scho­nungs­lo­sen Kon­se­quenz nur noch von der per­ver­tier­ten Ver­nich­tungs­ma­nie ein­zel­ner Lager­kom­man­dan­ten über­trof­fen. Es ist uns heu­te fast unfaß­bar, daß Ver­nich­tungs­la­ger wie Ausch­witz Durch­gangs­ka­pa­zi­tä­ten von 180 000 bis 200 000 Men­schen in 620 Bara­cken hat­ten, daß allein in Ausch­witz täg­lich bis zu 10 000 Men­schen den gewalt­sa­men Tod fan­den! In einer unmensch­li­chen Ratio­na­li­tät wur­den selbst die Toten noch Opfer der Aus­beu­tung: getreu ves­pa­sia­ni­scher Sen­tenz ließ sich das SS-Wirt­schafts- und Ver­wal­tungs-Haupt­amt über 60 Mil­lio­nen Mark allein für den Häft­lin­gen aus­ge­bro­che­nes Zahn­gold von der Reichs­bank zah­len! Nur mit Abscheu und Ent­set­zen läßt sich von sol­chen Prak­ti­ken spre­chen! Böses­te Men­schen­quä­le­rei­en wur­den im Namen medi­zi­ni­schen Fort­schritts vor­ge­nom­men. Die Qual der Opfer und die Sor­ge und Not der Ange­hö­ri­gen waren kal­ku­liert. Aber nicht nur die Juden, auch unse­re eige­nen Lands­leu­te und wir selbst haben erfah­ren, was tota­li­tä­re Dik­ta­tur und poli­ti­sche Tyran­nis for­dern. Opfer waren schlecht­hin alle, die sich nicht kon­form ver­hiel­ten. Es genüg­te, anders zu den­ken, zu reden oder gar zu han­deln, als es herr­schen­de Dok­trin und Räson ver­lang­ten, um deren Opfer zu wer­den. Vor­nehms­ten Aus­druck fand die­se Besin­nung auf zeit­lo­se Wer­te, auf huma­ni­tä­ren Geist und Poli­tik, die vor dem Gewis­sen des ein­zel­nen Men­schen bestehen kön­nen muß, im Wider­stand, der sei­ner­seits sei­nen höchs­ten, welt­weit unleug­ba­ren Aus­druck im dra­ma­ti­schen Gesche­hen des 20. Juli 1944 mit sei­nen tra­gi­schen Fol­gen fand.

Wider­stand vie­ler Namen­lo­ser

Wir wis­sen heu­te, daß der Wider­stand gegen das natio­nal­so­zia­lis­ti­sche Herr­schafts­sys­tem tau­send Vari­an­ten hat­te, daß zu ihm der Wider­stand aus poli­ti­scher Grund­ein­stel­lung eben­so gehör­te wie der Wider­stand aus reli­giö­sen, ethi­schen, kul­tu­rel­len, wis­sen­schaft­li­chen, sozia­len oder mili­tä­ri­schen Grün­den. Wider­stand gab es vor 1933 und seit­dem unter ungleich schwie­ri­ge­ren Bedin­gun­gen. Wir wis­sen, daß im Wider­stand alle Schich­ten unse­res Vol­kes ihr Bes­tes gaben. Der Natur der Sache nach ist der Wider­stand der Arbei­ter­schaft und auch sonst vie­ler Namen­lo­ser weni­ger gut bezeugt als der ein­zel­ner füh­ren­der Män­ner und Grup­pen. Aber ein Buch wie „Stutt­gart: Geheim!” mach­te gera­de den opfer­vol­len, risi­ko­vol­len Anteil des ein­fa­chen, cha­rak­ter­fes­ten Mit­bür­gers deut­lich, und es zeig­te auf sei­ne Wei­se, wie vie­le Stutt­gar­ter Opfer natio­nal­so­zia­lis­ti­scher Gewalt gewor­den sind. Die­ses Buch zeigt auch, daß Wider­stand kei­ne Ange­le­gen­heit allein von Hono­ra­tio­ren wie der Mit­tel­punkt­fi­gur Goerde­ler oder der Jün­ge­ren um Stauf­fen­berg oder des Krei­sauer Krei­ses um Graf Molt­ke war, auch nicht allein Kon­flikt aus Teil­pro­ble­men, wie dem Ver­hält­nis der Wehr­macht zum Natio­nal­so­zia­lis­mus, also dem mili­tä­ri­schen Sek­tor des Wider­stands, oder dem Kir­chen­kampf bei­der Kon­fes­sio­nen oder der Oppo­si­ti­on der Diplo­ma­ten aus der Wil­helm­stra­ße in Ber­lin. Stutt­gart hat­te sei­nen gro­ßen Anteil am Wider­stand und an den Opfern der Gewalt. Der Wider­stand hat­te sein ver­bin­den­des Motiv in der Auf­leh­nung gegen das Böse schlecht­hin, Empö­rung gegen das Unmensch­li­che war Grund­mo­tiv. Für uns Stutt­gar­ter sind Lie­se­lot­te Her­mann, die schon 1937 zum Tod ver­ur­teilt wor­den war, oder der Freun­des­kreis um die Unter­türk­hei­mer Fami­lie Schlot­ter­beck eben­so ein­drucks­vol­le Bei­spie­le akti­ven Wider­stands und bit­te­ren Opfers wie die mensch­lich vor­neh­me Hal­tung des letz­ten würt­tem­ber­gi­schen Staats­prä­si­den­ten Dr. Eugen Bolz.

Die­ses Mahn­mal will nicht allein und pri­mär als Stutt­gar­ter Mahn­mal ver­stan­den sein. Sein Anlie­gen ist nicht lokal, son­dern grund­sätz­lich, dar­in aber ein­deu­tig. Der har­te, kom­pro­miß­lo­se Text von Prof. Ernst Bloch und die künst­le­ri­sche Mas­si­vi­tät, die Elmar Dau­cher dem Denk­mal gege­ben hat, spre­chen eine unmiß­ver­ständ­li­che Spra­che. Ich beken­ne mich zu die­ser Ein­deu­tig­keit. Erin­nern wir uns an die hef­ti­gen Aus­ein­an­der­set­zun­gen und Dis­kus­sio­nen unmit­tel­bar nach Kriegs­en­de um die Fra­ge und Behaup­tung der Kol­lek­tiv­schuld aller Deut­schen. Die Fra­ge ist längst aus­ge­stan­den, Kol­lek­tiv­schuld im dama­li­gen Sinn gibt und gab es nicht. Aber es sei auch ein Wort zitiert, das Karl Jas­pers in einer zeit­ge­schicht­lich bedeut­sa­men Vor­le­sung über die Schuld­fra­ge im Win­ter­se­mes­ter 1945/46 in Hei­del­berg so for­mu­lier­te: „Dar­in aber ist die Gege­ben­heit des Deutsch­seins, … daß ich mich auf eine ratio­nal nicht mehr faß­li­che, ja ratio­nal zu wider­le­gen­de Wei­se mit­ver­ant­wort­lich füh­le für das, was Deut­sche tun und getan haben. Ich füh­le mich näher den Deut­schen, die auch so füh­len — ohne dar­aus eine Pathe­tik zu machen -, und füh­le mich fer­ner denen, deren See­le die­sen Zusam­men­hang zu ver­leug­nen scheint.”

Ursa­che und Wir­kung nicht ver­wech­seln

Nicht die indi­vi­du­el­le Schuld­fra­ge steht also im Vor­der­grund oder ist Kri­te­ri­um, son­dern das Maß der Ver­ant­wor­tung, aber weni­ger im retro­spek­ti­ven als viel­mehr im zukünf­ti­gen Sinn. So ver­stan­den ist die­ses Mahn­mal kein stö­ren­der Sta­chel im stol­zen deut­schen Fleisch, son­dern ein not­wen­di­ges poli­tisch-mora­li­sches Ele­ment in unse­rer Gegen­wart. Grau­en­haf­tes und Furcht­ba­res ist in den Jah­ren natio­nal­so­zia­lis­ti­scher Gewalt­herr­schaft gesche­hen, Schreck­li­ches und Schmerz­li­ches haben auch wir Deut­sche als Besieg­te erfah­ren müs­sen. Aber so wenig sich Schuld und Ver­sa­gen gegen­sei­tig auf­rech­nen las­sen, so wenig dür­fen Ursa­che und Wir­kung ver­wech­selt, aus­lö­sen­de Ideo­lo­gie und fana­ti­sche Rigo­ro­si­tät über­se­hen wer­den. Lidi­ce am 10. Juni 1942 und in maka­brer Gleich­heit des Datums Ora­dour-sur-Gla­ne am 10. Juni 1944 haben kein mora­li­sches Ali­bi! Kon­zen­tra­ti­ons­la­ger, Sip­pen­haft, Depor­ta­ti­on, Ver­ga­sung, Ver­nich­tung jüdi­scher Men­schen als deut­sche radi­ka­le Vari­an­te des Anti­se­mi­tis­mus sind für sich allein so furcht­bar, daß das Ent­set­zen der Welt und jedes recht­schaf­fe­nen Men­schen dar­über, was im deut­schen Namen geschah, ver­ständ­lich wird.

Ein sol­ches Mahn­mal 25 Jah­re nach dem kata­stro­pha­len Ende des natio­nal­so­zia­lis­ti­schen Regimes zu errich­ten, ist eine poli­ti­sche Tat. Das Mahn­mal soll kei­nen Riß in unse­re bür­ger­schaft­li­che Gemein­schaft brin­gen, die Soli­da­ri­tät aus gemein­sa­mem Schick­sal ist stär­ker. Unse­re heu­ti­ge poli­ti­sche Wirk­lich­keit mit ihrem hohen Maß an per­sön­li­cher Frei­heit ist auch Ergeb­nis aus his­to­ri­scher Erkennt­nis und Mög­lich­keit. Selbst­ver­ständ­lich und unge­fähr­det ist in unse­rer gesell­schafts­po­li­tisch so offe­nen, allen Kräf­ten expo­nier­ten Staats­form, nichts.

Die Anwe­sen­heit einer so gro­ßen Zahl von Per­sön­lich­kei­ten, die selbst Opfer natio­nal­so­zia­lis­ti­scher Gewalt­herr­schaft waren, von Per­sön­lich­kei­ten aber auch, die unmit­tel­bar nach dem Zusam­men­bruch poli­ti­sche Ver­ant­wor­tung über­nom­men haben, sei in die­ser Stun­de mit Dank­bar­keit ver­merkt. Auch dies gehört zum Sinn die­ses Mahn­mals: 1945 war kei­ne Stun­de Null, wie jene Zäsur ohne Bei­spiel oft genannt wird; 1945 war Ende und Anfang, Kata­stro­phe und Chan­ce, Ent­täu­schung und Hoff­nung — aber 1945 war und ist ein­ge­fügt in die Kon­ti­nui­tät deut­scher und euro­päi­scher Geschich­te. Heu­te, 25 Jah­re danach, ist die­ses Mahn­mal ein mas­si­ves Sym­bol unse­rer Hoff­nung auf eine Zukunft in Frie­den und Frei­heit.“

 

An die­sem Mahn­mal schei­den sich die Geis­ter!”

Wider­stands­kämp­fer und Hin­ter­blie­be­ne von Opfern der Gewalt­herr­schaft emp­fan­gen

Am Tag nach der Ein­wei­hung des Mahn­mals für die Opfer der natio­nal­so­zia­lis­ti­schen Gewalt­herr­schaft wur­den 20 Stutt­gar­ter Bür­ger, die unter dem Regime beson­ders gelit­ten haben, im Rat­haus emp­fan­gen. Die­se Ehrung soll­te zugleich den Mil­lio­nen Opfern gel­ten. Ober­bür­ger­meis­ter Dr. Klett dank­te den von der Stadt­ver­wal­tung ein­ge­la­de­nen Bür­gern für ihre muti­ge Hal­tung. Als Anwalt vie­ler Geg­ner des NS-Regimes habe er selbst die schwe­ren Schick­sa­le ken­nen­ge­lernt. Heu­te noch sei er glück­lich über so man­chen Erfolg, wenn es auch nicht immer gelun­gen sei, einen Frei­spruch zu errei­chen. Dank und Aner­ken­nung sprach Dr. Klett dem frü­he­ren Stadt­rat Wil­li Bohn für sei­nen doku­men­ta­ri­schen Bericht „Stutt­gart: Geheim!” aus, in dem der Wider­stand von Stutt­gar­ter Män­nern und Frau­en geschil­dert wird (Röder­berg-Ver­lag GmbH, Frankfurt/Main). Allen Gäs­ten über­reich­te der Ober­bür­ger­meis­ter die gol­de­ne Stutt­gart-Mün­ze.

Unter ihnen war der beim Bau­rechts­amt der Stadt Stutt­gart täti­ge Stadt­amt­mann Alfred Däub­le, der zusam­men mit eini­gen ande­ren jun­gen Män­nern am 15. Febru­ar 1933 in der Stutt­gar­ter Stadt­hal­le Hit­ler buch­stäb­lich das Wort abschnitt. In einem Hof in der Wer­der­stra­ße durch­schlug Däub­le das Rund­funk­ka­bel mit einem Beil, was beim „Füh­rer” einen Wut­an­fall aus­lös­te. Drei Jah­re spä­ter wur­den Däub­le und sei­ne Hel­fer ver­haf­tet, schwer miß­han­delt und zu einer Gefäng­nis­stra­fe ver­ur­teilt. Wil­li Bohn hat den damals sen­sa­tio­nel­len Vor­fall in sei­nem Buch geschil­dert. Däub­le selbst hat nach dem Zusam­men­bruch des NS-Regimes kein Auf­he­bens von sei­ner muti­gen Tat gemacht. Als Lan­des­vor­sit­zen­der der Ver­ei­ni­gung der Ver­folg­ten des Nazi­re­gimes dank­te Alfred Haus­ser dem Ober­bür­ger­meis­ter für den Emp­fang von ehe­ma­li­gen Wider­stands­kämp­fern und Hin­ter­blie­be­nen von Opfern der Gewalt­herr­schaft: „Wir alle waren Zeu­gen eines denk­wür­di­gen Ereig­nis­ses. 25 Jah­re nach dem Zusam­men­bruch des „Drit­ten Rei­ches” wur­de durch Sie in der Lan­des­haupt­stadt das Mahn­mal für die Opfer des Natio­nal­so­zia­lis­mus der Oef­fent­lich­keit über­ge­ben. Ich darf Ihnen und dem Gemein­de­rat dafür dan­ken. Sie haben die Errich­tung die­ses Mahn­ma­les als eine poli­ti­sche Tat bezeich­net. Ich muß hin­zu­fü­gen, daß die Wor­te, mit denen Sie die­ses Mahn­mal in die Obhut der Bevöl­ke­rung gege­ben haben, von uns eben­falls als eine poli­ti­sche Tat emp­fun­den wer­den. Dafür sind wir Ihnen einen ganz per­sön­li­chen Dank schul­dig. Sie haben damit alle auf­rech­ten Demo­kra­ten ermu­tigt, sich zu beken­nen und die geis­ti­ge Aus­ein­an­der­set­zung mit denen zu suchen, die mit dem Nazis­mus noch nicht fer­tig­ge­wor­den sind oder ihn unter ande­ren Vor­zei­chen neu zu bele­ben ver­su­chen.

Im Jah­re 1953 hat der Deut­sche Bun­des­tag ein Gesetz zur Wie­der­gut­ma­chung an den Opfern des Natio­nal­so­zia­lis­mus beschlos­sen und die­sem Gesetz einen Vor­spruch gege­ben, in dem gesagt wird, daß der Wider­stand gegen den Natio­nal­so­zia­lis­mus ein Ver­dienst um das Wohl des deut­schen Vol­kes und Staa­tes war. Seit die­sem Zeit­punkt ist in der Bun­des­re­pu­blik vie­les zur Abgel­tung der mate­ri­el­len Schä­den getan wor­den. Nun ist auch in unse­rer Stadt im Sin­ne die­ses Vor­spru­ches die von uns bis­her so schmerz­lich ver­miß­te poli­ti­sche und mora­li­sche Aner­ken­nung des deut­schen Wider­stan­des durch Sie aus­ge­spro­chen und sicht­bar in den Blick­punkt des öffent­li­chen Lebens gerückt wor­den. Ich weiß, daß die­ses Mahn­mal für vie­le ein Anstoß sein wird. Aber es ist unse­re durch Erfah­rung gefes­tig­te Ueber­zeu­gung, daß wir unse­rem Volk auf lan­ge Sicht nur die­nen, wenn wir ihm die Wahr­heit sagen — auch wenn sie unan­ge­nehm ist. Sie dür­fen ver­si­chert sein, daß die Frau­en und Män­ner des anti­fa­schis­ti­schen Wider­stan­des immer dort zu fin­den sein wer­den, wo es gilt, die Wahr­heit über die NS-Gewalt­herr­schaft zu bezeu­gen. An die­sem Mahn­mal schei­den sich die Geis­ter. Die rechts­ori­en­tier­ten Kräf­te agi­tie­ren mit pri­mi­ti­ven Argu­men­ten dage­gen, die Gut­wil­li­gen wer­den sich um die­se Gra­nit­blö­cke scha­ren. So wird die­ses von allen bekann­ten künst­le­ri­schen Nor­men abwei­chen­de Mahn­mal eine leben­di­ge Aus­ein­an­der­set­zung zur Fol­ge und — wie ich hof­fe — recht frucht­ba­re Wir­kung für die Zukunft haben.”

 

Quel­le: Amts­blatt Nr. 45 vom 12.11.1970 – Sei­te 3 + 4