21.08.2022 · Biografie und Erinnerungen von Johanna Gottschalk 

vor­ge­tra­gen von Son­ja Fel­le, Jugend­gui­de im Gedenk­stät­ten­ver­bund Gäu-Neckar-Alb e.V. bei der Jun­gen Geschichts­werk­statt Tübingen. 

Die gelern­te Kran­ken­schwes­ter und Kauf­frau Johan­na Gott­schalk wur­de 1895 im Rhein­land gebo­ren und starb 1977 in Johan­nes­burg Süd­afri­ka. Sie war ledig und kin­der­los. Johan­na Gott­schalk war in der Wei­ma­rer Repu­blik im Jüdi­schen Kran­ken­haus in Frank­furt tätig und über­nahm 1932 die Lei­tung des Israe­li­ti­schen Lan­des­asyl Wil­hems­ru­he in Sont­heim bei Heil­bronn. Nach der Auf­lö­sung des Alten­heims Sont­heim über­nahm sie bis Dezem­ber 1941 die Lei­tung des jüdi­schen Zwangs­al­ten­heims But­ten­hau­sen auf der Schwä­bi­schen Alb und ab Dezem­ber 1941 bis zur Auf­lö­sung und Depor­ta­ti­on das jüdi­sche Zwangs­al­ten­heim Eschen­au bei Heil­bronn. Sie beglei­te­te den Trans­port nach The­re­si­en­stadt und arbei­te­te dort auf den Kran­ken­sta­tio­nen. Sie wäre bei­na­he an einer dort gras­sie­ren­den Krank­heit gestor­ben. Sie konn­te am 5.Februar 1945 auf Ver­mitt­lung des Inter­na­tio­na­len Roten Kreu­zes mit 1.200 Befrei­ten in die Schweiz aus­rei­sen. In Basel war sie im Israe­li­ti­schen Spi­tal tätig und wan­der­te 1947 auf Druck der Schwei­zer Ein­wan­de­rungs­be­hör­de nach Süd­afri­ka aus. Dort arbei­te­te sie als Kran­ken­schwes­ter in einem Alten­heim.  Im Alter litt sie mas­siv an kör­per­li­chen und psy­chi­schen Beschwer­den, die sie sich durch die Ver­fol­gungs­maß­nah­men zuge­zo­gen hatte.

Sie schreibt Anfang der 1960er Jah­ren in ihren Erin­ne­run­gen, wel­che in einem Buch von Hans Fran­ke über die Geschich­te und das Schick­sal der Juden in Heil­bronn ver­öf­fent­licht wor­den sind.[1] Die Erin­ne­run­gen lau­ten wie folgt:

Im August 1942 wur­den ca. ein­tau­send Juden aus Würt­tem­berg in Stutt­gart auf dem Kil­les­berg zusam­men­ge­bracht und von dort nach The­re­si­en­stadt depor­tiert. Der größ­te Teil der Leu­te waren älte­re Men­schen, sie erla­gen bald den Stra­pa­zen der unzu­läng­li­chen Unterbringungsverhältnisse.“

Wir kamen am Sonn­tag, dem 22.August 1942, in Bauscho­witz an. Das war zu der Zeit die Bahn­sta­ti­on für The­re­si­en­stadt. Am Bahn­hof stand ein LKW und man for­der­te älte­re Leu­te auf, die­sen Last­wa­gen zu benut­zen, anstatt zu Fuß zu gehen. Cir­ca 25–40 Leu­te wur­den auf die­sem LKW beför­dert, aber die wenigs­ten von Ihnen erreich­ten The­re­si­en­stadt. Ich hör­te näm­lich am nächs­ten Tag, als ich nach eini­gen alten Leu­ten nach­forsch­te, die zu mei­ner Grup­pe aus Eschen­au gehör­ten, dass der Wagen sich unter­wegs über­schla­gen hat­te und die meis­ten Insas­sen bei die­sem Unfall ums Leben kamen.“

Der größ­te Teil der Trans­port­teil­neh­mer wur­de in The­re­si­en­stadt in der Dresd­ner Kaser­ne auf dem Dach­bo­den unter­ge­bracht, d.h. die Leu­te lagern auf dem Boden. In den ers­ten Wochen ohne irgend­et­was, nur das, was sie auf dem Leib hat­ten. Die Klo­setts waren in einem tie­fe­ren Stock­werk und die wenigs­ten der alten Men­schen konn­ten sie recht­zei­tig errei­chen, zumal die meis­ten von ihnen in den ers­ten Tagen an Durch­fall erkrank­ten. Es gab zu der Zeit natür­lich kei­ner­lei Des­in­fek­ti­ons­mit­tel, nicht ein­mal Eimer und Putz­tü­cher. So war es für das Pfle­ge­per­so­nal sehr schwer, den Dach­bo­den sau­ber zu hal­ten. Die alten Men­schen erkrank­ten fast alle und es …star­ben in den ers­ten Wochen täg­lich zwi­schen 180 und 200 Men­schen! Ich selbst arbei­te­te auf die­sem Dach­bo­den bis Anfang Okto­ber, dann wur­de ich von der Lager­ver­wal­tung in einen Kino­saal geschickt, wo ich als Kran­ken­pfle­ge­rin arbei­te­te. In die­sem Kino­saal waren zwi­schen 90 und 100 Per­so­nen unter­ge­bracht und jeden Mor­gen fand ich vier oder fünf Lei­chen vor.“

In der Zeit bewohn­te ich zusam­men mit fünf Frau­en ein klei­nes Zim­mer in die­sem Block. Jeder ver­such­te soweit wie mög­lich sich das Leben und die Arbeit erträg­lich zu machen. Die größ­ten Schwie­rig­kei­ten und Drang­sa­le zu die­ser Zeit waren das Unge­zie­fer, wie Klei­der­läu­se, Wan­zen, Flö­he, Rat­ten usw. Wer das nicht mit­ge­macht hat, kann es nicht verstehen.“

Am 9.November 1943 kam die gro­ße Zäh­lung auf den Bauscho­vit­zer Wie­sen. Alle Insas­sen von The­re­si­en­stadt, die nur eben gehen konn­ten, muss­ten an die­sem Tage zu Fuß …gehen. Von sechs Uhr mor­gens bis 9 Uhr abends waren die meis­ten dort drau­ßen, ohne eine Mög­lich­keit zu haben, ihre Not­durft zu ver­rich­ten. Vie­le erkrank­ten hin­ter­her und natür­lich star­ben auch vie­le danach.

In der fol­gen­den Zeit kamen natür­lich immer neue Trans­por­te in The­re­si­en­stadt an und eben­so wur­den Trans­por­te von The­re­si­en­stadt fort­ge­schickt, meis­tens mit der Bezeich­nung „In den Osten“. Kei­ner wuss­te natür­lich genau, wohin die­se Trans­por­te gin­gen und noch viel weni­ger wuss­ten wir, dass die meis­ten die­ser Men­schen in den Gas­kam­mern umge­bracht wurden.“

Im Okto­ber 1944 wur­den von The­re­si­en­stadt inner­halb von 4 Wochen in elf Trans­por­ten 20.000 Men­schen nach dem Osten verschickt.“

Damit endet der Bericht.

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[1] Johan­na Gott­schalk: Zwei­ein­halb Jah­re in The­re­si­en­stadt. In: Hans Fran­ke: S. 226–229, hier S. 226 ff.

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