21.08.2022 · Biografie Auguste Fröhlich

Im Herbst letz­ten Jah­res erschien bei der Lan­des­zen­tra­le für poli­ti­sche Bil­dung Baden-Würt­tem­berg ein neu­es „Lese- und Arbeits­heft“ über „Die Depor­ta­tio­nen der Jüdin­nen und Juden aus Württem­berg und Hohen­zol­lern 1941 bis 1945“, inhalt­lich ver­ant­wor­tet von Dr. Mar­tin Ulmer – Geschäfts­füh­rer des Gedenkstätten­ver­bundes Gäu-Neckar-Alb e.V.  Dies führ­te zu einer engen und höchst frucht­ba­ren Zusammen­arbeit auch im Hin­blick auf die heu­ti­ge Gedenk-Ver­an­stal­tung und Aus­wahl der heu­te von Jugend­gui­des ver­le­se­nen Bio­gra­fien von Inhaf­tier­ten in The­re­si­en­stadt. Zunächst hören wir von Augus­te Fröh­lich aus Rex­in­gen, gele­sen von Johan­na Rost, Jugend­gui­de im Gedenk­stät­ten­ver­bund Gäu-Neckar-Alb e.V. bei der KZ-Gedenk­stät­te Haiffingen.Tailfingen und der Jun­gen Geschichts­werk­statt Tübingen.

Augus­te Fröh­lich (1869–1942)

Das Ehe­paar Augus­te und Max Fröh­lich leb­te in der schwä­bi­schen Land­ge­mein­de Rex­in­gen bei Horb. Als Hit­ler 1933 an die Macht kam, waren sie 64 und 65 Jah­re alt. Juli­us Fröh­lich war von Beruf Viehhändler.

Juli­us und Simon Fröh­lich, die Söh­ne des Ehe­paars, ver­lie­ßen nach dem Ers­ten Welt­krieg Rexingen.

Juli­us Fröh­lich grün­de­te in Tutt­lin­gen eine gro­ße Vieh­hand­lung mit moderns­ter Aus­stat­tung. Sein Bru­der Simon Fröh­lich wur­de Tex­til­kauf­mann. Er hei­ra­te­te in Wie­sen­bronn bei Würz­burg Mar­tha Münz, deren Eltern eine Tex­til­hand­lung unter­hiel­ten. Er über­nahm die Lei­tung des Geschäfts.

Die Brü­der Juli­us und Simon ent­schlos­sen sich, mit ihren Fami­li­en 1937 NS-Deutsch­land zu ver­las­sen und sich dem Sied­lungs­pro­jekt der Rex­in­ger Juden im bri­ti­schen Man­dats­ge­biet Paläs­ti­na anzuschließen.

Ihr Vater Max Fröh­lich starb am 22. Juli 1938.

Im Leo-Baeck-Insti­tut in New York fand sich im Nach­lass von Loui­se Levi, die 1937 in die USA emi­griert war, einen Brief von Augus­te Fröh­lich, in dem sie ihre Situa­ti­on nach dem Tod ihres Man­nes in Rex­in­gen schilderte:

Lie­be Louise…

Mei­ne lie­ben Kin­der sind immer noch in Deutsch­land. Juli­us weiß noch nicht ganz Bestimm­tes, wann er mit sei­ner Fami­lie geht, lang wird’s nicht mehr gehen. Mein lie­ber Simon weiß noch nicht was er macht, er hat sich auch nach Erez (Isra­el) ange­mel­det, aber obs zum Klap­pen kommt, weiß man nicht. Für mich ists kei­ne Klei­nig­keit, wenn man sich sagen muss: sieht man sein Kind noch oder nicht?

Der lie­be Gott wird mich nicht ver­las­sen und mit mir sein. Wenn ich nur das Bewusst­sein haben kann und darf, es geht mei­nen Lie­ben gut, dann will ich ganz zufrie­den sein. Seit mein lie­ber Max von mir geschie­den ist, kom­me ich ganz wenig fort. Es zieht mich aber auch nicht fort.

Du lie­be Loui­se, kannst Dir den­ken, dass ich oft schwar­ze schmerz­li­che Stun­den ver­brin­ge, und doch gön­ne ich dem Ver­blie­be­nen die Ruhe. Ist ihm doch der Abschied von sei­nen Kin­dern erspart geblieben.“

Im Sep­tem­ber 1938 emi­grier­ten Juli­us Fröh­lich mit sei­ner Frau Eli­se und sei­nen vier Kin­dern ins bri­ti­sche Man­dats­ge­biet Paläs­ti­na und schlos­sen sich der Sied­lung Shavei Zion an.

Die Plä­ne von Simon Fröh­lich dage­gen zer­schlu­gen sich. Er wur­de nach der Pogrom­nacht im Novem­ber 1938 in Wie­sen­bronn ver­haf­tet und im KZ Dach­au inhaf­tiert. Nach sei­ner Frei­las­sung fass­te er mit sei­ner Frau Mar­tha den schwe­ren Ent­schluss, den 12jähringen Sohn Heinz 1939 allein nach Paläs­ti­na zu schi­cken, um ihn aus NS-Deutsch­land zu ret­ten. Für sich hat­ten sie kei­ne Aus­rei­se­er­laub­nis erhalten.

Simon Fröh­lich gelang es im Sep­tem­ber 1940 mit sei­ner Frau von Wie­sen­bronn nach Rex­in­gen zu sei­ner Mut­ter zu zie­hen. Sie ver­such­ten sie zu unter­stüt­zen, soweit es mög­lich war.

Simon Fröh­lich wur­de zu Zwangs­ar­beit an der Bahn­stre­cke Stutt­gart-Horb ver­pflich­tet. Er, sei­ne Frau und sei­ne Mut­ter leb­ten von ihren weni­gen Erspar­nis­sen, die sie noch hatten.

Nach der Pogrom­nacht muss­te Augus­te Fröh­lich vier Raten der „Juden­ver­mö­gens­ab­ga­be“ zah­len. Ihre Erspar­nis­se gin­gen immer mehr zur Neige.

Ende Novem­ber 1941 muss­te sie erle­ben, wie ihr Sohn Simon und ihre Schwie­ger­toch­ter Mar­tha nach Riga depor­tiert wur­den. Sie war jetzt allein in ihrem Haus.

Am 11. Mai 1942 schrie­ben Schwei­zer Ver­wand­ten an Juli­us und Eli­se Fröh­lich in Shavei Zion im bri­ti­schen Man­dats­ge­biet Palästina:

Mei­ne Lieben!

Es sind jetzt schon drei­vier­tel Jahr her, seit wir von Euch Nach­richt hat­ten und obwohl wir inzwi­schen schon mehr­mals an Euch geschrie­ben haben, sind wir immer noch im Unge­wis­sen, ob Ihr im Besitz der vie­len Kar­ten von uns gelangt seid. Wir sind in Gedan­ken bei Euch …

Mit Mut­ter Augus­te (also mit Augus­te Fröh­lich in Rex­in­gen) ste­hen wir in schrift­li­cher Ver­bin­dung. Die Eltern schi­cken jeden Monat 20,– Mark durch den Ver­wal­ter Krau­se in Nürn­berg. Bis jetzt hat die lie­be Mut­ter Augus­te den Emp­fang immer per­sön­lich durch eine Kar­te bestä­tigt. Hof­fent­lich bekommt sie das Geld auch wei­ter­hin pünktlich.

Lie­ber Simon und Mar­tel sind bei­de lei­der schon seit eini­ger Zeit „ver­reist“.

(ver­reist ist im Brief in Anfüh­rungs­zei­chen geschrie­ben, womit die Depor­ta­ti­on der bei­den ange­deu­tet wird).

Bis jetzt haben wir noch kei­ne Nach­richt von ihnen, aber wir wol­len den Mut nicht ver­lie­ren und hof­fen, dass es ihnen erträg­lich geht und dass wir auch bald ein Lebens­zei­chen von ihnen erhalten.

Wir haben auch schon eini­ge Male Lie­bes­ga­ben­pä­cken nach Rexingen

geschickt. Da wir aber in der Schweiz aus bekann­ten Grün­den ein voll­stän­di­ges Aus­fuhr­ver­bot haben, so kön­nen wir die Päck­chen nur von Lis­sa­bon aus sen­den und das dau­ert immer sehr lange.

Am 22. August 1942 wird Augus­te Fröh­lich über den Stutt­gar­ter Nord­bahn­hof nach The­re­si­en­stadt depor­tiert. Am 26. Sep­tem­ber 42 wird sie von dort wei­ter nach Treb­lin­ka gebracht und dort ermordet.

Ihr Spar­kon­to ver­zeich­net für den Novem­ber 1942 noch zwei grö­ße­re Abbuchungen.

130 RM wer­den an die Reichs­ver­ei­ni­gung der Juden in Ber­lin über­wie­sen, unter ande­rem für die Fahrt­kos­ten nach The­re­si­en­stadt.
500 RM gehen an das Bank­haus Heinz Teck­len­burg in Ber­lin für die Bezah­lung des Heim­ein­kauf­ver­tra­ges in The­re­si­en­stadt.
Den Kon­to­rest­be­stand von 53 RM und 40 Pfen­nig zieht das Hor­ber Finanz­amt am 11. Novem­ber 1942 für das Deut­sche Reich ein.

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