21.08.2022 · Ansprache Landsbischof Ernst-Wilhelm Gohl

Evan­ge­li­sche Lan­des­kir­che Württemberg

Sehr geehr­te Damen und Her­ren, sehr geehr­ter, lie­ber Herr Fabian,

wir sind hier nur weni­ge Meter von der evan­ge­li­schen Mar­tins­kir­che am inne­ren Nord­bahn­hof zusam­men­ge­kom­men – in der Otto Umfrid Stra­ße. Sie heißt nach dem Kol­le­gen, der hier und in der Erlö­ser­kir­che von 1890–1913 als Stadt­pfar­rer tätig war. Vol­ler Über­zeu­gung hat­te er sich für eine Frie­dens­ord­nung für die Völ­ker Euro­pas ein­ge­setzt. Und das in Zei­ten, in denen sich der Natio­na­lis­mus immer lau­ter und aggres­si­ver in den euro­päi­schen Gesell­schaf­ten zu Wort mel­de­te – beson­ders bei uns in Deutsch­land.  Otto Umfrid ließ sich durch den öffent­li­chen Druck nicht ein­schüch­tern. Sei­ne Geg­ner ver­un­glimpf­ten ihn als „Frie­dens­het­zer“. Hell­sich­ti­ge Zeit­ge­nos­sen schlu­gen ihn dage­gen 1913 für den Frie­dens­no­bel­preis vor.

Als Bischof der Evan­ge­li­schen Lan­des­kir­che möch­te ich heu­te an Otto Umfrid erin­nern – nicht zuletzt im Andenken an sei­nen Sohn Her­mann. Als jun­ger Pfar­rer war er bemüht, die Stim­mun­gen unter den Mit­glie­dern sei­ner Gemein­de und in der Gesell­schaft wahr­zu­neh­men und sie auch in sei­ner Gemein­de­ar­beit zu würdigen.

Als aber aus­wär­ti­ge SA-Leu­te am 25. März 1933, einem Schab­bat, jüdi­sche Bür­ger im frän­ki­schen Nie­der­stet­ten, dem Ort, in dem er als Pfar­rer tätig war, bru­tal miss­han­del­ten, pro­tes­tier­te er in sei­ner Sonn­tags­pre­digt offen gegen die­sen Pogrom und gegen die Will­kür und Miss­ach­tung des Rechts. 

Wie schon sein Vater wur­de auch Her­mann Umfrid von den Ver­ant­wort­li­chen in der würt­tem­ber­gi­schen Lan­des­kir­che nicht unter­stützt. Das erfüllt mich mit Scham und zeigt, dass es auch eine christ­lich moti­vier­te Juden­feind­lich­keit gab und lei­der auch bis heu­te gibt. Des­halb kön­nen wir nicht wach­sam genug sein! Her­mann Umfri­ds Appell blieb unge­hört.  Ver­einsamt und ver­bit­tert nahm er sich 1934 das Leben. Die Schi­ka­nen der gro­ßen und klei­nen Nazis hat­ten ihn zermürbt. 

Ver­un­si­chern­de Orte“ – unter die­sem Leit­be­griff arbei­ten die Gedenk­stät­ten in unse­rem Land. Die Stol­per­stei­ne, die in Stutt­gar­ter Stra­ßen ver­legt sind; die Geiß­stra­ße oder das Hotel Sil­ber; die Pla­ket­te an der Mar­tins­kir­che oder der Weg vom Mahn­mal auf dem Kil­les­berg hier­her zum Zei­chen der Erin­ne­rung: Orte, die zu den­ken geben: Nichts ist selbstverständlich!

An die­sen Orten begeg­nen wir den Namen von rea­len Men­schen. Sie ver­bin­den sich mit Lebens­ge­schich­ten, von Brü­dern oder Schwes­tern, die gehofft und geglaubt, gelacht und geweint haben. Ihre Namen regen unse­re Fähig­keit zum Mit­ge­fühl an. Mit­ge­fühl mit den Opfern des Has­ses auf Jüdin­nen und Juden, Sin­ti und Roma, und Mit­ge­fühl mit Men­schen, die getö­tet wur­den, weil sie krank oder behin­dert waren.

Ihre Namen ver­bin­den sich aber auch mit den ande­ren Namen. Den Namen derer, die Feind­bil­der und Hass geschürt, die aus­ge­grenzt haben. Mit den Men­schen, die ein­fach weg­ge­se­hen und geschwie­gen haben. Und mit denen, die die so Aus­ge­grenz­ten skru­pel­los ermor­det haben. Die Namen der Täter – sie füh­ren uns wohl öfter, als wir uns das ein­ge­ste­hen, in die Fami­li­en, aus denen wir selbst stammen.

Gibt es denn dann über­haupt Orte in unse­rer Stadt, die nicht ver­un­si­chern? Namen und Fami­li­en, die nichts als Hei­mat und Gebor­gen­heit vermitteln?

Ja: Es erschüt­tert, wenn wir davon mehr und mehr wis­sen, ver­un­si­chert eben – und das ist wich­tig! Denn: Nichts ist selbstverständlich!

Otto und Her­mann Umfrid, deren Fami­li­en­na­me die­se Stra­ße trägt, tau­gen nicht als Hero­en. Bei­de haben das nicht gesucht. Aber sie ste­hen für ent­schie­de­nes Han­deln. Sie ste­hen für den Mut, dem Bösen zu widerstehen.

Zu die­ser Gewiss­heit sol­len uns Orte und Ver­an­stal­tun­gen wie heu­te führen:

Nicht weg­schau­en, son­dern die Stim­me nut­zen, die mir mein Schöp­fer gege­ben hat, um den heu­ti­gen Hass­pre­di­gern und Lüg­nern ent­schlos­sen zu widersprechen;

Die Stim­me nut­zen, um die zu stär­ken, die ein­ge­schüch­tert und gede­mü­tigt wer­den, und die vie­len Stil­len zu ermu­ti­gen, sich nach­drück­lich für Recht und Gerech­tig­keit, Men­schen­wür­de und Mensch­lich­keit auszusprechen.

Denn nichts ist selbstverständlich!

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Im Novem­ber 2018 hielt Pfar­re­rin Moni­ka Ren­nin­ger zwei Pre­dig­ten in der Hos­pi­tal­kir­che über Vater und Sohn Umfrid. Bei­de Pre­dig­ten und wei­te­re Unter­la­gen zu Otto und Her­mann Umfrid sind hier zu fin­den.