21.08.2022 · Ansprache Erzpriester Dimitrios Katsanos

Arbeits­ge­mein­schaft Christ­li­cher Kir­chen in Baden-Würt­tem­berg (ACK)

Es ist mir eine gro­ße Ehre als Vor­sit­zen­der der Arbeits­ge­mein­schaft Christ­li­cher Kir­chen in Baden-Würt­tem­berg heu­te hier in der Nähe des Kil­les­ber­ges, 80 Jah­re nach der Depor­ta­ti­on von über 1000 Jüdin­nen und Juden, ein Gruß­wort zu rich­ten um alle jenen zu Ehren, zu Geden­ken und uns an sie zu erinnern. 

Auf dem Kil­les­berg war das Sam­mel­la­ger. Auf die Fra­ge wohin sie gehen wür­den beka­men sie kei­ne Ant­wort! Von den über 1000 depor­tier­ten Jüdin­nen und Juden kamen nur 48 Men­schen zurück. Sie hat­ten erfah­ren wohin ihre Rei­se damals ging aber woll­ten sie es wahr­ha­ben? Kön­nen WIR es wahr­ha­ben? Emp­fin­den? Ver­ar­bei­ten? Verstehen? 

Die indus­tri­el­le Ver­nich­tung von Mil­lio­nen von Juden, Kriegs­ge­fan­ge­nen, Sin­ti und Roma, Homo­se­xu­el­len, poli­ti­schen Geg­nern und ande­ren von den Nazis unbe­lieb­ten Per­so­nen­grup­pen in der Zeit von 1941 bis 1945 ist ein unaus­lösch­li­cher Fleck in der Geschich­te der Mensch­heit geblieben.

Unmit­tel­bar nach dem Holo­caust gab es gro­ße Hoff­nun­gen, dass der Hor­ror die Welt zum Bes­se­ren ver­än­dern wür­de – lei­der ist dies nur in gerin­gem Maße gesche­hen, wir haben im Grun­de nicht dar­aus gelernt. Einer der Aspek­te des Holo­caust, der oft beschö­nigt wird, ist die Koope­ra­ti­on oder Dul­dung der loka­len Bevöl­ke­rung und Behör­den in den Gebie­ten, in denen die Nazis Juden vernichteten.

Als Grie­che und als ortho­do­xer Geist­li­cher möch­te ich beson­ders die Hal­tung mei­ner Hei­mat Grie­chen­land und die Soli­da­ri­tät, die sie gegen­über unse­ren Mit­men­schen jüdi­scher Her­kunft gezeigt hat und immer wie­der zeigt, hervorheben. 

Der „Tag des Geden­kens an die grie­chisch-jüdi­schen Mär­ty­rer und Hel­den des Holo­caust“ wur­de durch einen ein­stim­mi­gen Beschluss des grie­chi­schen Par­la­ments im Janu­ar 2004 ins Leben geru­fen und wird jedes Jahr am 27.Januar gefei­ert. (Der Tag, an dem die Befrei­ung des Kon­zen­tra­ti­ons­la­gers Aus­sch­witz von den Nazis statt­fand), um das Andenken Tau­sen­der grie­chi­scher Juden zu ehren, die in den Kon­zen­tra­ti­ons­la­gern der Nazis ums Leben kamen, und um den Hel­den­mut der christ­li­chen Grie­chen zu prei­sen, die unter Ein­satz ihres Lebens im besetz­ten Grie­chen­land vie­le Jüdi­sche Mit­bür­ger vor dem siche­ren Tod geret­tet haben. 

Das ist genau eine Tat­sa­che, die zeigt, dass Lie­be kei­ne Gren­zen kennt, kei­ne Natio­na­li­tä­ten, kei­ne Rassen.

Genau wie Apos­tel Pau­lus in sei­nem Brief an die Korin­ther schrieb:

Die Lie­be freut sich nicht über das Unrecht, son­dern freut sich an der Wahr­heit. Sie erträgt alles, glaubt alles, hofft alles, hält allem stand. Die Lie­be hört nie­mals auf!“

Papst Fran­zis­kus hat­te in einer Rede betont, dass man das Grau­en nicht ver­ges­sen dür­fe. „Erin­nern bedeu­tet auch zu wis­sen, dass sol­che Din­ge wie­der pas­sie­ren kön­nen, begin­nend mit Ideo­lo­gien, die behaup­ten, ein Volk zu ret­ten, und am Ende sowohl Völ­ker als auch die Mensch­heit zerstören.

Sind die Opfer­zah­len aus­schlag­ge­bend für die Auf­merk­sam­keit, die einem zuteil­wird, oder ist das Leid eines ein­zel­nen Men­schen wichtig?

Hier gibt es kein War­um.” Dies ist die Ant­wort, die Pri­mo Levi von einem Wär­ter des Lagers Ausch­witz erhielt, als er dort als Gefan­ge­ner ankam.

Es gibt kein War­um. Dies ist die Ant­wort, die die meis­ten Men­schen ger­ne geben wür­den, wenn sie gefragt wer­den, war­um sie sich heu­te für den jüdi­schen Völ­ker­mord interessieren. 

Bevor ich mit mei­nem Gruß­wort ende, indem ich die Hoff­nung aus­spre­che, dass unse­re Mit­men­schen nicht umsonst gestor­ben sind. Wir müs­sen ihrer auch künf­tig geden­ken, wir müs­sen auch wei­ter­hin die Bot­schaft des fried­li­chen Mit­ein­an­der ver­kün­den und an einer bes­se­ren Welt bau­en – damit unse­re Kin­der in Frie­den und Sicher­heit leben können.

Trotz­dem muss die Fra­ge des Warums beant­wor­tet wer­den:
Weil es nicht anders geht. 
Weil es eine Ver­pflich­tung im kol­lek­ti­ven Gedächt­nis der Mensch­heit ist. 
Weil es wie­der pas­sie­ren kann. 

Vie­len Dank für das Zuhören

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