15.03.2018 · Theresa Schopper

Staats­se­kre­tä­rin · Staats­mi­nis­te­ri­um Baden-Württemberg


Sehr geehr­ter Herr Strauß,
Sehr geehr­ter Herr Keller,
Sehr geehr­te Frau Pro­fes­so­rin Traub,
Sehr geehr­ter Herr Lan­des­bi­schof July,
Sehr geehr­ter Herr Bür­ger­meis­ter Schairer,
Mei­ne sehr ver­ehr­ten Damen und Her­ren, lie­be Gäste.

ich begrü­ße beson­ders die­je­ni­gen von Ihnen, die heu­te aus ganz per­sön­li­chen Grün­den nach Stutt­gart gekom­men sind.

Sie den­ken heu­te an Ihre Ange­hö­ri­gen, an die Groß­mutter, den Onkel, den Vater, an Schwes­tern, Brü­der, Cou­si­nen und Cousins.

Hier am Nord­bahn­hof wur­den heu­te vor  genau 75 Jah­ren 260 würt­tem­ber­gi­sche Sin­ti und Roma direkt in das Ver­nich­tungs­la­ger Ausch­witz-Bir­ken­au deportiert.

Hier wird das Grau­en, von dem auch bei den Gedenk­ver­an­stal­tun­gen im Neu­en Schloss und in der Stifts­kir­che berich­tet wur­de, konkret.

Hier sehen wir die Glei­se, von denen die Züge abgin­gen, hier bli­cken wir auf die Tafeln mit den Namen der Men­schen, die depor­tiert und ermor­det wur­den, hier schau­en wir auf die Namen der Orte, wo dies geschah.

Ich bedan­ke mich für die Gele­gen­heit, hier am ehe­ma­li­gen Nord­bahn­hof, dem Zei­chen der Erin­ne­rung, zu Ihnen als Ver­tre­te­rin der Lan­des­re­gie­rung Baden-Würt­tem­berg spre­chen zu dürfen.

Mit Ihnen zusam­men den Gedenk­tag am ehe­ma­li­gen Nord­bahn­hof abzu­schlie­ßen, ist mir als Koor­di­na­to­rin  des Rates für die Ange­le­gen­hei­ten der deut­schen Sin­ti und Roma in Baden-Würt­tem­berg Ver­pflich­tung und Auf­ga­be zugleich. Es ist mir aber auch ein per­sön­li­ches Anliegen.

Wir brau­chen sol­che Gedenk­ta­ge. Sie rei­ßen uns aus dem all­täg­li­chen Leben, sie erin­nern uns, dass es kei­ne Selbst­ver­ständ­lich­keit ist, in Frie­den und Frei­heit zu leben. Sie erin­nern uns, welch hohes Gut wir mit unse­rer Ver­fas­sung, mit unse­rer Demo­kra­tie und unse­rem Rechts­staat genie­ßen dürfen.

Die­ses Pri­vi­leg ver­pflich­tet jeden Ein­zel­nen von uns, sich zu erin­nern und der Opfer von Unrecht und Gewalt zu geden­ken. Wir dür­fen nie ver­ges­sen:  Deut­sche Natio­nal­so­zia­lis­tin­nen und Natio­nal­so­zia­lis­ten haben Elend, Krieg und Tod über ihre Mit­men­schen in Deutsch­land und ganz Euro­pa gebracht.

Die Glei­se am Nord­bahn­hof, der Gedenk­ort hal­ten die Erin­ne­rung leben­dig. Wir haben bereits aus den Erin­ne­run­gen von Otto Rosen­berg gehört. Wie Otto Rosen­berg haben nur weni­ge Roma und Sin­ti überlebt.

Wir sehen mit gro­ßer Dank­bar­keit, dass auch heu­te noch Roma und Sin­ti in Baden-Würt­tem­berg leben, nach­dem ihre Ver­wand­ten vor den Augen der badi­schen und schwä­bi­schen Nach­barn depor­tiert wor­den waren.

Sie enga­gie­ren sich in unse­rer Gesell­schaft, sie berei­chern sie und sie haben mit Ihrem Ver­band eine wich­ti­ge Inter­es­sens­ver­tre­tung für die Belan­ge der Sin­ti und Roma geschaffen.

Das Erin­nern führt in die Gegen­wart und Zukunft. Denn auch heu­te noch gibt es Ras­sis­mus in unse­rer Gesell­schaft, Ras­sis­mus, der sich auch gegen Roma und Sin­ti wendet.

Und las­sen Sie mich noch aus aktu­el­lem Anlass an die­ser Stel­le ergänzen:

Es ist beschä­mend, dass die­ser Gedenk­ort, an dem wir heu­te ste­hen, in den letz­ten Tagen mut­wil­lig beschä­digt wurde.

Wir wer­den uns mit Nach­druck dar­um bemü­hen, die­sen Vor­fall aufzuklären.

Die Lan­des­re­gie­rung wird es nicht zulas­sen, dass Anti­zi­ga­nis­mus und Anti­se­mi­tis­mus einen Keil in unse­re Gesell­schaft treiben.

Dazu haben wir vor weni­gen Tagen auch einen Beauf­trag­ten der Lan­des­re­gie­rung gegen Anti­se­mi­tis­mus berufen.

Las­sen Sie uns heu­te auch gemein­sam die Bot­schaft aus­sen­den, dass für Hass und Het­ze in unse­rer Gesell­schaft kein Platz ist.

Und genau des­we­gen sind Orte wie die­se wich­tig. Die soge­nann­te gro­ße Geschich­te wird in Büchern und Aus­stel­lun­gen  doku­men­tiert. Aber erst an Orten wie die­sen setzt das kol­lek­ti­ve Gedächt­nis sei­nen Fokus, von dem wir in die Zukunft bli­cken können.

Und Gegen­wart und Zukunft heißen:

Ras­sis­mus und Dis­kri­mi­nie­run­gen haben bei uns kei­nen Platz!  Wer glaubt, Erin­ne­run­gen oder Geden­ken irgend­wie been­den oder einen Schluss­strich zie­hen zu kön­nen, täuscht sich.

Denn die Erin­ne­rungs­kul­tur an die Ver­bre­chen der natio­nal­so­zia­lis­ti­schen Gewalt­herr­schaft gehört zum selbst­ver­ständ­li­chen Grund­be­stand unse­res Staates.

Des­we­gen bin ich froh, dass es die­ses Zei­chen der Erin­ne­rung hier am ehe­ma­li­gen Nord­bahn­hof gibt. Ich dan­ke allen, die an die­sem Geden­ken dabei sind und der Erin­ne­rung einen wür­di­gen Rah­men geben:

  • dem Ver­ein „Zei­chen der Erinnerung“,
  • den Schü­le­rin­nen und Schü­ler der Hed­wig-Dohm-Schu­le und der Alexander-Fleming-Schule,
  • den Jugend­li­chen aus Stuttgart-Nord
  • der Musik­grup­pe Roz­sak und
  • der Ev. Kir­chen­ge­mein­de Stutt­gart-Nord, die nach die­sem Geden­ken noch in die Mar­tins­kir­che einlädt
  • und natür­lich Ihnen allen, die Sie zu die­sem Geden­ken gekom­men sind.

Ich wün­sche Ihnen noch einen guten Abschluss die­ses Gedenk­ta­ges und für Ihre Zukunft alles Gute!

Haben Sie vie­len Dank!

 

 ← Andre­as Keller
Dr. Mar­tin Schairer