15.03.2018 · Dr. Martin Schairer

Bür­ger­meis­ter · Lan­des­haupt­stadt Stutt­gart


Sehr geehr­te Frau Staats­se­kre­tä­rin Schop­per,
Sehr geehr­ter Herr Strauß,
Sehr geehr­te Frau Pro­fes­so­rin Traub,
Sehr geehr­ter Herr Kel­ler,

Ich habe kei­ne gute Erin­ne­rung an Stutt­gart“. So Phi­lo­me­na Franz bei einem Zeit­zeu­gen­ge­spräch im Jahr 1989. Vier Jah­re zuvor war ihre Auto­bio­gra­phie mit dem Titel „Zwi­schen Lie­be und Hass: Ein Zigeu­ner­le­ben“ erschie­nen. Bei der Gedenk­fei­er zum Jah­res­tag der Depor­ta­ti­on der Sin­ti und Roma vom 15. März 1943 vor zehn Jah­ren hat sie ein­drucks­voll über ihren Lei­dens­weg von Stutt­gart nach Ausch­witz-Bir­ken­au und Ravens­brück berich­tet.

Die Erin­ne­rung ist ange­sichts der furcht­ba­ren Erleb­nis­se von Demü­ti­gung und Ent­mensch­li­chung für die Über­le­ben­den eine schwe­re Last.

Ich zitie­re Hil­de­gard Franz: „Es war furcht­bar grau­sam, ich kann das nicht beschrei­ben. Ich will nicht mehr dar­an den­ken, aber es geht nicht, nie­mals, ich kann es nicht ver­ges­sen“. Das Zitat stammt aus dem Band mit Berich­ten und Zeug­nis­sen von Sin­ti, die die NS-Ver­fol­gung über­lebt haben, den Sie, sehr ver­ehr­ter Herr Vor­stands­vor­sit­zen­der Strauß, im Jahr 2000 her­aus­ge­ge­ben haben: Den­noch sehen die Über­le­ben­den die Ver­pflich­tung, Zeug­nis abzu­le­gen für die Ermor­de­ten. Nobel­preis­trä­ger Eli Wie­sel hat das Para­dox der Erin­ne­rung aus der Per­spek­ti­ve der Opfer for­mu­liert: „Schwei­gen ist ver­bo­ten, Spre­chen ist unmög­lich“.

Sehr geehr­te Damen und Her­ren,

wir soll­ten uns die­ses Zusam­men­hangs bewusst sein, wenn wir heu­te der Opfer des natio­nal­so­zia­lis­ti­schen Völ­ker­mords an den Sin­ti und Roma geden­ken. Unse­re Erin­ne­rung ist letzt­lich nur mög­lich, weil Men­schen wie Phi­lo­me­na und Hil­de­gard Franz ihre Erin­ne­rung aus­ge­hal­ten haben. Wir kön­nen die­sen Mut bewun­dern und müs­sen uns stets der andau­ern­den Fol­gen bewusst sein. Denn wie die For­schung gezeigt hat, sind noch spä­te­re Gene­ra­tio­nen davon gezeich­net und betrof­fen.

Inzwi­schen leben nur noch weni­ge Zeu­gen der Ver­bre­chen an den Sin­ti und Roma. Umso mehr erwächst eine öffent­li­che Auf­ga­be.

Gesell­schaft und Poli­tik haben die Pflicht, das Zeug­nis der Über­le­ben­den anzu­neh­men, die Kul­tur und ihre Ver­mitt­lung zu unter­stüt­zen. Die – wenn ich es so for­mu­lie­ren darf – „Mehr­heits­ge­sell­schaft“ hat eine Ver­pflich­tung gegen­über einer seit vie­len Jahr­hun­der­ten in unse­rer Mit­te und als Teil unse­rer Gemein­schaft leben­den Min­der­heit. Sie ist ein Teil unse­rer Geschich­te. „Kei­ne gute Erin­ne­rung an Stutt­gart“. Die­se Aus­sa­ge von Phi­lo­me­na Franz ver­weist uns dar­auf, dass Depor­ta­ti­on und Ver­nich­tung eine Vor­ge­schich­te auch in unse­rer Stadt besit­zen. Sie begann nicht erst mit dem Macht­an­tritt der Natio­nal­so­zia­lis­ten. Sin­ti und Roma hat­ten schon vor 1933 Aus­gren­zung und Dis­kri­mi­nie­rung erfah­ren.

Zwar bedeu­te­te es eine grund­le­gen­de Ver­än­de­rung, als mit dem Macht­an­tritt der Natio­nal­so­zia­lis­ten Dis­kri­mi­nie­rung, Ent­rech­tung und Ver­fol­gung expli­zi­te staat­li­che Poli­tik wur­den. Erschre­ckend aber war und bleibt bis heu­te, dass der Weg in den Völ­ker­mord zu einem schein­bar nor­ma­len büro­kra­ti­schen Voll­zug wur­de. Nicht anony­me Kräf­te, son­dern Men­schen beweg­ten das Räder­werk des Völ­ker­mords, auch in unse­rer Stadt und auch in der Stadt­ver­wal­tung.

Kei­ne gute Erin­ne­rung“. Dies gilt eben­so für die Geschich­te der Sin­ti und Roma nach 1945; Anti­zi­ga­nis­mus wie auch sozia­ler Ras­sis­mus ver­schwan­den nicht mit der NS-Herr­schaft.

Die Pra­xis der soge­nann­ten Wie­der­gut­ma­chung war in hohem Maße defi­zi­tär: Lan­ge Zeit gal­ten Dis­kri­mi­nie­rung und Ver­fol­gung der Sin­ti und Roma als selbst ver­schul­de­te Poli­zei­maß­nah­men, nicht als NS-Unrecht und nicht als Vor­stu­fen eines Völ­ker­mords.

Soge­nann­te „Land­fah­rer­kar­tei­en“ aus der NS-Zeit wur­den über 1945 hin­aus fort­ge­führt, die Daten pseu­do­wis­sen­schaft­li­cher Erhe­bun­gen der NS-Zeit an Uni­ver­si­tä­ten wei­ter aus­ge­wer­tet. Es dau­er­te bis in die 1990er Jah­re, ehe all­mäh­lich der Völ­ker­mord an den Sin­ti und Roma sowie ande­ren „ver­ges­se­nen Opfern“ über die Betrof­fe­nen und eini­ge Fach­krei­se hin­aus ins öffent­li­che Bewusst­sein rück­te.

So lan­ge dau­er­te es auch, bis Gedenk­or­te sicht­bar gemacht wur­den – so 1994 in Stutt­gart erst­mals in einer Gedenk­ta­fel an der sog. Büch­sen­schmie­re, damals Poli­zei­ge­fäng­nis und Sitz der Kri­mi­nal­po­li­zei-leit­stel­le, heu­te Evan­ge­li­sches Bil­dungs­zen­trum Hos­pi­tal­hof.

Im Juni 2000 wur­de im Foy­er des Städ­ti­schen Jugend­amts am Wil­helms­platz nach einer Initia­ti­ve der dor­ti­gen Mit­ar­bei­te­rin­nen und Mit­ar­bei­ter – und von die­sen weit­ge­hend finan­ziert – die Skulp­tur „Akten­ord­nung“ des Künst­lers Wolf­ram Ise­le ein­ge­weiht. Sie erin­nert an 39 Sin­ti- und Roma-Kin­der, die am 9. Mai 1944 mit nach Ausch­witz depor­tiert wur­den.

Für die Kin­der bestand nach der Depor­ta­ti­on der Eltern eine Amts­vor­mund­schaft der dama­li­gen Stutt­gar­ter Jugend­wohl­fahrts-behör­de; nur vier von ihnen über­leb­ten. Und vor zehn Jah­ren hat das in der Erin­ne­rungs­kul­tur sehr enga­gier­te Stadt­ar­chiv die Wan­der-aus­stel­lung „Der natio­nal­so­zia­lis­ti­sche Völ­ker­mord an den Sin­ti und Roma“ im Rat­haus gezeigt und mit dem Doku­men­ta­ti­ons­zen­trum Deut­scher Sin­ti und Roma ein umfas­sen­des Begleit­pro­gramm orga­ni­siert.

Heu­te erin­nern wir erneut mit die­ser Gedenk­ver­an­stal­tung und im Anschluss mit der Eröff­nung der Aus­stel­lung „… weg­ge­kom­men.

Abschied ohne Wie­der­kehr“ an den staat­lich orga­ni­sier­ten Völ­ker­mord an den Sin­ti und Roma, kon­kret an die Depor­ta­ti­on vor 75 Jah­ren.

Die Aus­stel­lung über den NS-Völ­ker­mord an den Sin­ti und Roma infor­miert uns ein­drück­lich über ein lan­ge beschwie­ge­nes Kapi­tel der jün­ge­ren deut­schen Geschich­te. Sie ent­hält auch die Auf­for­de­rung zum Han­deln: Zum Hin­se­hen und zum Auf­ste­hen gegen Aus­gren­zung und Dis­kri­mi­nie­rung. Die­ser Satz darf heu­te kei­ne wohl­fei­le Sonn­tags­re­de sein. Er hat viel­mehr eine drän­gen­de, ja bedrän­gen­de und beängs­ti­gen­de Aktua­li­tät. Ras­sis­ti­sche Sprü­che wer­den schein­bar salon­fä­hig, fin­den Zustim­mung und Wäh­ler­stim­men, wie wir dies wohl vor eini­gen Jah­ren so nicht mehr für mög­lich gehal­ten hät­ten.

Im 85. Jahr der Macht­über­nah­me der Natio­nal­so­zia­lis­ten soll­ten wir uns bewusst sein, dass tota­li­tä­re Sys­te­me nur noch schwer zu über­win­den sind, wenn sie erst ein­mal an den Schalt­he­beln der Macht sind und auch, dass nicht die Stär­ke der Geg­ner, son­dern die Schwä­che der Repu­blik zu deren Unter­gang geführt hat.

Ich dan­ke allen, die sich für die­se Erin­ne­rungs­ar­beit enga­gie­ren, nicht zuletzt den bür­ger­schaft­li­chen Initia­ti­ven. Heu­te gilt mein beson­de­rer Dank dem Ver­ein „Zei­chen der Erin­ne­rung“, Ihnen lie­ber Herr Kel­ler als dem neu­en, rüh­ri­gen Vor­sit­zen­den. Dem Ver­ein und der Israe­li­ti­schen Reli­gi­ons­ge­mein­schaft Würt­tem­bergs bin ich dank­bar, dass die Namen der ermor­de­ten Sin­ti und Roma auf die „Wand der Namen“ in der Gedenk­stät­te „Zei­chen der Erin­ne­rung“ ver­zeich­net wer­den konn­ten.

 

 

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Dani­el Strauß