Schicksale und Lebensläufe

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Josef und Bella Wochenmark
Josef und Bella Wochenmark
Josef Wochenmark
* 18. Juni 1880 in Rozwadow/Galizien,
† 8. März 1943 in Stuttgart

Bella Wochemark, geb. Freudenthal
* 14. Januar 1887 in Gotha,
† 16. Oktober 1944 in Auschwitz

Rabbiner einer sterbenden Gemeinde

Josef Wochenmark, der aus Galizien stammt, wird am Esslinger Lehrerseminar Volksschullehrer; zusätzlich absolviert er eine Ausbildung zum jüdischen Religionslehrer. Im Alter von 36 Jahren heiratet er Bella Freudenthal. Im Jahr nach der Hochzeit wird der Sohn Alfred, 1921 der zweite Sohn Arnold geboren. 1925 zieht die Familie Wochenmark von Crailsheim nach Tübingen, wo Josef Wochenmark als Religionslehrer und Kantor bei der jüdischen Gemeinde arbeitet. Wichtigste Aufgabe eines jüdischen Kantors, der auch Vorbeter oder Vorsänger genannt wird, ist das Vorsingen von Gebeten bei den Gottesdiensten. Dafür unerlässlich sind eine hervorragende Kenntnis des Hebräischen und des jeweiligen Ablaufs der Gottesdienste bei den einzelnen jüdischen Festen. Dazu wird von einem Kantor erwartet, dass er ein vorbildhaftes Leben führt. Bella Wochenmark führt zudem eine koschere Pension für jüdische Studenten. Der Sohn Arnold berichtet später, die Pension sei sehr beliebt gewesen, wohl nicht zuletzt deshalb, weil das Ehepaar Wochenmark angeregte intellektuelle Gespräche mit den Studenten führte. Zum Sommersemester 1926 immatrikuliert sich Josef Wochenmark an der Universität Tübingen, um an Seminaren von Jakob Wilhelm Hauer teilzunehmen, bei dem er im Jahr 1933 mit einer Dissertation zum Thema »Die Schicksalsidee im Judentum« promoviert. Hauer entpuppt sich nach Auflösung des Orientalischen Seminars und dessen Überführung in ein »Arisches Seminar« als überzeugter Antisemit, der in seiner Funktion als Direktor des neu gegründeten Instituts eng mit der Abteilung des Reichssicherheitshauptamtes, die für »Judenfragen« zuständig ist, kooperiert und der Gestapo und der SS zuarbeitet. Ende 1934 muss die Familie Wochenmark nach Schwäbisch Gmünd umziehen, denn die Tübinger jüdische Gemeinde ist nach zahlreichen Auswanderungen für einen eigenen Kantor zu klein geworden. Neben seiner Tätigkeit als Vorsänger unterrichtet Josef Wochenmark an der Hindenburg-Realschule. Der Sohn Alfred macht diesen Umzug schon nicht mehr mit; bereits 1933, nachdem er nach einer kritischen Äußerung über Hitler von einem SA-Mann blutig geschlagen worden war, ist er in die Schweiz geflohen. Sein Bruder Arnold folgt ihm 1937 nach. Beide emigrieren später in die USA, Alfred 1937 nach New York, Arnold 1946 erst nach New York, von wo aus er nach San Francisco weiterzieht. Im Jahr 1940 ziehen Josef und Bella Wochenmark nach Stuttgart. Nachdem Josef am 15. März 1941 von der Lehranstalt für die Wissenschaft des Judentums in Berlin das Rabbinats-Diplom erhalten hat, wirkt er bis zu seinem Tod als letzter Rabbiner der Stuttgarter Gemeinde in der Zeit des Nationalsozialismus. Anfang März 1943 erhalten Josef und Bella Wochenmark die Benachrichtigung ihrer im April bevorstehenden Deportation. Um dem Martyrium des Konzentrationslagers zu entgehen, beschließen die beiden, sich gemeinsam das Leben zu nehmen. Am 8. März 1943 schneidet sich Josef Wochenmark die Pulsadern auf. Seiner Frau misslingt der Selbstmordversuch. Sie wird am 17. April 1943 nach Theresienstadt deportiert. Von dort wird sie am 16. Oktober 1944 weiter nach Auschwitz verschleppt, wo sie kurze Zeit später umgebracht wird. sk

Martin Ulmer: Neue Heimat nach 13 Jahren Fluchtodyssee. Auf den Spuren von Arnold und Johanna Marque. In: Zerstörte Hoffnungen. Wege der Tübinger Juden. Hrsg. von der Geschichtswerkstatt Tübingen. Tübingen 1995 (Beiträge zur Tübinger Geschichte, Bd. 8). S. 319–344.

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